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Philipp Sarasin: „Darwin und Foucault“ : Waren Sie in Wanne-Eickel?

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Bild: Verlag

Was haben Michel Foucault und Charles Darwin gemeinsam? Der umtriebige Wissenschaftshistoriker Philipp Sarasin meint: Foucault stammt von Darwin ab. Beide Denker fragen, was das Gewordensein der Dinge für ihre Geltung bedeutet.

          Hier hat ganz offenkundig jemand Freude an der Provokation. Es gehe um „ein Experiment“, heißt es gleich auf der ersten Seite: „Wie zwei korrosive Säuren, die man unter Laborbedingungen zusammenrührt, um eine chemische Reaktion auszulösen, sollen zwei Autoren miteinander in Verbindung gebracht werden.“ Beiden Autoren sei die „ätzende Schärfe ihrer Dekonstruktionen“ gemeinsam, aber auch sonst gebe es „Ähnlichkeiten“, die „kein Zufall“ seien.

          Die Rede ist von Charles Darwin, geboren 1809 und Begründer einer allgemeinen Theorie der Entwicklung der biologischen Arten, sowie von Michel Foucault, geboren 1926 und seit vier Jahrzehnten als Vordenker einer neuen Form der Wissens- und Machtgeschichte bekannt. Das Buch, das im Darwin-Jahr nun beide Autoren gemeinsam vorstellt, stammt von dem umtriebigen Züricher Wissenschaftshistoriker Philipp Sarasin. Wie in einer „Petrischale mit zwei Säuren, deren Charakteristika durch diese ungewohnte Vermischung zur Kenntlichkeit gesteigert werden sollen“, soll die Konfrontation der beiden Ansätze funktionieren.

          Kein Stein bleibt unumgedreht

          Darwin und Foucault – ein terminjournalistischer Gag? Nein, Sarasin hat ein Buch von nicht geringem Umfang geschrieben, und er meint es einigermaßen ernst. Um ein „Experimentalsystem“ soll es gehen, was einen auf Laborforschung zugeschnittenen Konzeptbegriff des Naturwissenschaftsforschers Jörg Rheinberger auf das lesende und vergleichende Tun des Historikers überträgt. Genussvoll wählt Sarasin denn auch gleich am Anfang das Verb „abstammen“ zur Formulierung seiner zentralen These: Ähnlichkeiten zwischen den Werken Darwins und Foucaults seien kein Zufall. Sie zeigten vielmehr „eine Genealogie, die einem dunkel vorkommen mag. Foucault stammt von Darwin ab.“

          Sarasin sichtet beide Werke abwechselnd, und zwar am Leitfaden der für sie charakteristischen Zugriffsweise auf ihre jeweiligen Gegenstandsfelder: Für Darwin sind dies zoologische und botanische Funde, für Foucault ist es das wissenshistorische Material. Reißverschlussartig schiebt Sarasin vor diesem Hintergrund Abschnitte ineinander: zu Darwins Sammeltätigkeit, zu Foucaults Rekonstruktion biologischer Texte, zu Darwins Evolutionsthese, zu Foucaults Geschichtsphilosophie, zu Darwins „Nominalismus“, zu Foucaults Ereignisdenken, zu Diagrammen jeweils bei beiden, zu ihrem Genealogie- und Geschichtsbegriff. Das klingt kompliziert, ist jedoch bestens lesbar und gerade in der lässigen Gestaltung der Übergänge souverän komponiert. Als your local guide bezeichnet Sarasin sich irgendwann einmal – was den geradezu touristischen Reiz des angebotenen Weges durch die beiden normalerweise so nie zu parallelisierenden Abschnitte der Naturwissenschaftsgeschichte und der historiographietheoretischen Zeitgeschichte genau trifft: Im Dickicht der Disziplinengeschichte spazierend, kann man die Fülle der Assoziationen nur bestaunen.

          Genealogie der Moral

          Im Blick auf Darwin zeigt Sarasin, dass es nicht etwa biologische, sondern auf die Natur projizierte kulturelle Kategorien sind, aus denen Darwin seine berühmte Theorie vom durch Variation und Selektion erklärlichen Ursprung der Arten gewinnt. Der später zum populären Schlagwort geronnene „Kampf“ um die Existenz meint bei Darwin nicht rohe Gewalt, sondern sensible, auch zeichenvermittelte Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt. Außerdem finden sich Überlegungen zur Genese von Sympathie und Altruismus bei Darwin – Sarasin nennt das eine „Genealogie der Moral“ und schlägt damit eine von vielen Brücken zu Nietzsche, der bei Sarasin durchweg als Foucaults Stichwortgeber gilt.

          Steht der Autor des Ursprungs der Arten mit einem Bein im Reich der Kultur, so soll für den Historiker Foucault das Umgekehrte gelten. Mehr als an der Oberfläche sichtbar habe Foucault „das ‚Leben‘ selbst und seine biologischen Eigenarten“ als Möglichkeitsbedingung des Menschen und auch der Freiheit erkannt“. Sarasin vermeidet einen direkten Naturalismusvorwurf, spricht aber von einer „natürlichen Anthropologie“ und einem „Realismus“ Foucaults. Was damit genau gemeint ist, bleibt offen. Jedenfalls aber geht es um mehr als darum, dass Geschichte für Foucault nicht nur aus Texten besteht.

          Kampf, Krieg oder Macht

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