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Philipp Felsch: Wie August Petermann den Nordpol erfand : Von einem, der nicht auszog, weil er in den Karten alles zu lesen wusste

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Wenn die plane Wirklichkeit hinter einer großartigen Theorie zurückbleibt: Philipp Felsch erzählt, wie der der deutsche Karthograph August Petermann auf einen vom Eis befreiten Nordpol verfiel.

          Unter den Selbstmordindikationen ist jene, dass Theorie und Empirie, Möglichkeits- und Wirklichkeitssinn nicht mehr zum Ausgleich gebracht werden konnten, eine zwar abstrakt klingende, aber nicht zu unterschätzende Variante. Der heute vergessene, seinerzeit aber weltbekannte Kartograph August Petermann schoss sich im September 1878 eine Kugel durch den Kopf. Familienprobleme und eine manisch-depressive Veranlagung gaben vielleicht den Ausschlag. Dem Zürcher Wissenschaftshistoriker Philipp Felsch ist diese Psychologie allerdings zu alltäglich. Er hat für den Suizid eine Erklärung, die ein Kapitel aus dem großen Roman der Wirklichkeitsverfehlungen des deutschen Geistes erzählt.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          So beginnt die Biographie von August Petermann, dessen Bild die verbissenen Züge des ruhmsüchtigen Emporkömmlings trägt. Im Zentrum seines Lebens steht eine kartographische Besessenheit, die in der Karte mehr als ein bloßes Abbild sieht: In den komplizierten Beziehungen, die sie auszudrücken vermag, liegt ein Anstoß zur theoretischen Abstraktion, mit Hegel gesprochen: die Möglichkeit, die Geographie in das Gebiet des Gedankens zu übersetzen, wie sie noch in dem alten Wort Geognosie anklingt.

          Studium unzähliger Karten und geophysikalischen Theorien

          Man könnte das auch mit Alexander von Humboldt sagen, der Ausnahmegestalt unter den Geognosten des Jahrhunderts, die Petermann in Bann schlug. Von ihm erbte er den holistischen Blick, die Fähigkeit, in der Masse der Daten die Verbindungslinien herauszulesen und in ein abstraktes Ordnungssystem zu fassen. Doch Petermann blieb nur ein halber Humboldt. Es fehlte ihm der Abenteuer- und Entdeckersinn seines Vorbilds. Seine Reisen unternahm er nur auf Papier. Der Einstieg auf die öffentliche Bühne gelang Petermann im Drama um den britischen Seefahrerhelden John Franklin, der bei der Suche nach der Nordwestpassage auf mysteriöse Weise verschollen war.

          Als alle Suche erfolglos blieb, gab Petermann ihr mit einer gewagten Hypothese einen neuen wissenschaftlichen Kompass. Seine aus dem Studium unzähliger Karten und geophysikalischen Theorien über Strömungs- und Temperaturverhältnisse gewonnene Theorie besagte, dass der Nordpol im Winter durch einen warmen Polarstrom vom Eis befreit werde. Franklin könne auf diesem offenen Meer treiben, fernab der ursprünglichen Route.

          Theorie vom offenen Polarmeer

          Diese verstiegene These hatte so lange Konjunktur, bis Franklins Überreste aller Theorie zum Hohn in der westlichen Arktis entdeckt wurden. Der Spott traf auch Petermann selbst. In seiner Wahlheimat England, um deren Liebe er sich zeit seines Lebens vergeblich bemühte, wurde er als praxisferner Lehnstuhlprofessor verhöhnt, der nach Norden hin selbst nie über Schottland hinausgekommen war.

          Felsch hat es merklich auf diesen Antagonismus zwischen der pragmatischen englischen „science“, seit Bacon auf den schnellen empirischen Abgleich geeicht, und der faustisch versunkenen deutschen Wissenschaft abgesehen, die noch den vermeintlich nüchternen Stoff der Erdkunde in eine Weisheitslehre zu transformieren versuchte. Vor den stachligen Attacken des englischen Wirklichkeitssinns zog sich Petermann in seinen spekulativen Fuchsbau zurück, wurde aber nicht müde, seine Theorie vom offenen Polarmeer zu propagieren.

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