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Biographie über Jimi Hendrix : Müde und hungrig schrieb er Musikgeschichte

  • -Aktualisiert am

Virtuose im Feedback-Gewitter: Jimi Hendrix, hier 1969 in London, zelebrierte auf seinen Konzerten das Zusammenspiel von Musik und Körperlichkeit. Bild: Redferns/Getty Images

Promi-Berichterstattung: Philip Norman legt eine Biographie über Jimi Hendrix vor, die sich um Sex, Drugs und Rock’n’Roll dreht – oft in dieser Reihenfolge.

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          Wenn alte Männer junge Männer verehren, befindet man sich meist entweder im Fußball oder in der Rockmusik. „Jimi war ein furchtbar schlechter Fußballer, also haben wir ihn ins Tor gestellt“, erinnert sich der Journalist Keith Altham, der mit Jimi Hendrix dessen letztes Interview führte, bevor er am 18. September 1970 mit 27 Jahren in London starb. Bei einem früheren Treffen hatte Altham sich beim Bolzen mit Hendrix und dem Manchester-United-Stürmer George Best einen Eindruck von seinen Qualitäten machen können.

          Hendrix war aber ein sehr guter Rockmusiker. Er ist ewiger Tabellenführer auf den müßigen, von Rock-Magazinen kuratierten Ranglisten der besten Gitarristen. Auch der britische Journalist Philip Norman, Verfasser von Biographien über Mick Jagger und Elton John sowie rund 2600 Buchseiten über die Beatles, hat Freude an Punktevergaben. In seiner Hendrix-Biographie geht es dabei aber meist gar nicht um Musik.

          Wie vor Beginn des Schlussverkaufs

          Norman interessiert sich für Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll – oft in dieser Reihenfolge. Er lobt Hendrix’ Leistung „im Bett, wo er ihre (Kathy Etchinghams) beiden früheren Rockstar-Liebhaber Brian Jones und Keith Moon bald in den Schatten stellte“, und sortiert Hendrix und Mick Jagger nach ihrem sexuellen Appetit – bezeichnenderweise anhand eines Gerüchts, „das zwar jeder Tatsache entbehrte“, von Norman dann aber trotzdem detailliert beschrieben wird.

          Philip Norman: „Jimi“. Die Hendrix-Biografie.
          Philip Norman: „Jimi“. Die Hendrix-Biografie. : Bild: Piper Verlag

          Das ist angelsächsisch-boulevardeske Promi-Berichterstattung, manchmal reißerisch, dann geradezu servil. Norman rechnet es Hendrix hoch an, dass er auch dann noch „eine brillante Show hinzulegen“ vermochte, wenn er „sexuell verausgabt“ war. Vor Hendrix’ Hotelzimmer, informiert er, standen „die Frauen so geduldig Schlange wie vor Beginn des Schlussverkaufs“.

          Die Bedeutung amouröser Eskapaden

          Frauen haben in dem Buch fast nie einen Nachnamen, den haben nur Männer – außer „Jimi“. Norman hat zahlreiche Zeitzeugen aus dem Kreis des Gitarristen befragt, ihn selbst aber hat er nie getroffen, „obwohl ich mich als fest angestellter Reporter für die superschicke Farbbeilage der ‚Sunday Times‘ mitten im Epizentrum von Swinging London bewegte (...) und ich in sämtlichen Clubs, in denen er auftrat, reservierte Plätze genoss“.

          Einen Absatz, in dem Norman schildert, wie Hendrix einer Partnerin eine Whiskyflasche ins Gesicht schleudert und sie daraufhin fast erblindet, leitet er wie folgt ein: „In der Regel wechselte Jimi seine Bettgenossinnen so geschickt und so taktvoll, dass selten böses Blut oder Eifersucht unter den Frauen aufkam.“ Erbost darüber, dass eine minderjährige, schwangere Freundin als Prostituierte arbeitete, schlug Hendrix sie mit dem Gürtel.

          Frierend und unzufrieden beim Woodstock-Festival

          Natürlich lässt sich Hendrix’ Leben nicht ohne die Bedeutung amouröser Eskapaden rekapitulieren, zumal die Energie seiner Bühnenshows oft von schamloser sexueller Freiheit lebte. Norman stellt jedoch schon im Vorwort einen wirren Persilschein aus, indem er argumentiert, damalige Rockstars würden heute für ihre Promiskuität kritisiert und nicht für ihr Verhalten an oder jenseits der Grenze der Legalität.

          Um die großartige Musik geht es hin und wieder auch noch. Um Hendrix’ Zeit als Sideman bei Solomon Burke, Curtis Mayfield, den Isley Brothers und Little Richard; um das astronomisch erfolgreiche Debütalbum „Are You Experienced“, das sich 33 Wochen auf Platz eins der britischen Albumcharts hielt; um Woodstock, wo Hendrix an einem kühlen Montagmorgen die amerikanische Hymne in die Rockgeschichte einbrannte; die Bühne verließ er, wie sich sein Schlagzeuger Mitch Mitchell erinnert, „frierend, müde, hungrig und unzufrieden“.

          Der bestbezahlte Musiker der Welt 

          Die letzten achtzig Seiten, die von Hendrix’ Tod handeln, sind schließlich größtenteils seriöser Journalismus. Die Aufklärung erschwerte sich, weil die Deutsche Monika Dannemann, mit der Hendrix seine letzte Nacht verbracht hatte, später ihrer eigenen Schilderung widersprach. Die offizielle Version, nach der Hendrix an einer Überdosis Schlaftabletten starb, fußte vor allem auf ihrer ersten Aussage.

          Andere Personen aus Hendrix’ Umfeld, etwa Eric Burdon, gingen derweil von einem Suizid aus. Auch Hendrix’ Manager Mike Jeffery, der Mafiaverbindungen hatte, wurde verdächtigt, die Finger im Spiel gehabt zu haben, wofür Norman aber keine Beweise sieht. Er erklärt die Verdächtigungen mit Jefferys Unbeliebtheit als Geschäftsmann: Es lag vornehmlich an den von ihm veruntreuten Einkünften, dass Hendrix, einst der bestbezahlte Musiker der Welt – für einen Auftritt kassierte er 100.000 Dollar –, mit einem Vermögen von nur 23.000 Dollar starb.

          Ein weiterer Verdacht erwuchs erst 1979, als herauskam, dass Hendrix auf einer CIA-Liste mit angeblich subversiven Personen gestanden hatte. Die Mutmaßung, Hendrix’ Tod sei ein politisches Attentat gewesen, „lässt sich auch nicht als reines Hirngespinst von Verschwörungstheoretikern abtun. Als Amerikas Geheimdienste Amok liefen, brachte sich ein junger Schwarzer, auf den noch dazu Millionen junge Weiße hörten“ – und der am Ende seines Lebens die Black Panther Party unterstützte –, „in höchste Gefahr, wenn er ‚The Star-Spangled Banner‘ im Feedback-Gewitter entweihte.“ Aufklären kann Norman den Fall Hendrix nicht, generell verfolgt er wenige Großthesen. Gegen beides ist nichts einzuwenden. Nur nehmen die Boulevardgeschichten so viel Platz ein, dass ästhetische Betrachtungen irritierend kurz kommen. Mit der Treue eines Vereinschronisten priestert Norman sich durch die Zivilreligion Jimi Hendrix – und will nicht wahrhaben, dass dieser große Spieler gelegentlich auch Eigentore schoss.

          Philip Norman: „Jimi“. Die Hendrix-Biografie. Aus dem Englischen von Stefan Rohmig. Piper Verlag, München 2020. 432 S., geb., 24,– €.

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