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Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal : Wer kann sagen, wie sich die Welt einem Wal darbietet?

Hoare handelt nicht nur vom Pottwal, aber doch in überwiegendem Maße. Er hat kein Problem damit, sich dem Riesen als einem verwandten Säugetier zu nähern, dessen Gehirn mit mehr als neun Kilogramm Gewicht das größte aller Säugetierhirne ist, wenn es auch im Vergleich zur Körpergröße nicht ungewöhnlich groß ausfällt. Noch weithin rätselhaft ist das Sozialverhalten der Tiere, die in Gruppen durch die Weltmeere wandern und sich über weite Distanzen mit Klicklauten verständigen.

Unnötige Autobiographisierung

Hoare referiert Forschungsergebnisse, die bereits von einer „Kultur“ sprechen, welche die Wale entwickelt hätten, und in der die Mitgliedschaft in einem Clan mit der Nationalität bei Menschen verglichen wird. Dass die Menschheit früher auf dem Mond gelandet ist, als über eine Fotografie eines frei schwimmenden Wals zu verfügen - diese glückte erst 1975 -, nimmt der Autor als Beleg, es tümmle sich noch viel unbekanntes Getier in den Tiefen.

Problematisch bis ermüdend wird der von Hans-Ulrich Möhring auf gewohnt hohem Niveau übersetzte „Leviathan“ immer dann, wenn der Autor seinem Ego zu viel Platz einräumt. Gewisse autobiographische Umstände mögen als Schreibanlass ja wichtig sein: in so einer Abhandlung haben sie keinen Platz. Vielleicht hat das Ausufernde weniger mit dem Gegenstand als damit zu tun, dass der wirklich am Text arbeitende Lektor im Vereinigten Königreich vom Aussterben bedroht ist?

Zwischen Lyrismen und Pseudophilosophie

Zu häufig geht Philip Hoare der Gaul durch, wenn er entweder ins Ozeanisch-Lyrische hinausschießt oder ins Pseudophilosophische: „Und wie Wolken Landkarten in der Luft gestalten, so sind Wale Länder für sich, planetarische Gemeinschaften aus Seepocken und Seeläusen, unterwegs auf ihrer eigenen Kontinentaldrift.“

Das schwächt den an sich günstigen Gesamteindruck, zumal Hoare immer mit witzigen Funden aufwartet, die die Allgegenwart des Themas illustrieren: So ist die amerikanische Kaffeehauskette nach dem Ersten Steuermann der „Pequod“, Starbuck, benannt; und die Hintergrundmusik zum überteuerten Getränk kommt von Richard Melville Hall, einem Ururgroßneffen des Autors, in der Popwelt unter seinem Spitznamen Moby berühmt.

Verbindliche Angaben zum Wesen des Wals bleiben aus

Für jeden Polyhistor ist das Buch ein Traum, für Leser, die Struktur schätzen, eher weniger. Und noch nicht jedes essayistische Buch, das mit einmontierten, grobkörnigen Schwarzweißfotografien arbeitet, muss mit dem Aufkleber „W. G. Sebald“ daherkommen: Dazu hätte es insbesondere einer stärkeren literarischen Durchformung, mithin Arbeit am Text bedurft.

Am Ende findet Philip Hoare zwar keine verbindlichen Antworten auf die Frage nach dem Wesen des Wals, aber es ist ihm Erlösung vergönnt. Vor den Azoren, im weltallblauen, vier Kilometer tiefen Atlantik, erlebt er aus nächster Nähe als Taucher eine Schule von Pottwalen, die sich den Besuch des Menschleins gefallen lässt. Das versöhnt den Autor, und seine Leser mit ihm.

Philip Hoare: „Leviathan oder Der Wal“. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Mare Verlag, Hamburg 2013. 522 S., Abb., geb., 26,- [Euro].

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