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Petra Gehring: Traum und Wirklichkeit : Vor dem Moment des Erwachens

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Was sagen meine Träume? Dieser Menschheitsfrage hat die Philosophin Petra Gehring ein hinreissendes Buch gewidmet. Es zeigt, warum man aus den Theorien des Traums immer auch etwas über die Wirklichkeit lernt.

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          Jede Nacht geben wir unseren Geist auf und sinken in den Schlaf. Wir finden nichts dabei, die Welt fahrenzulassen. Mit der Aussicht freilich, wieder in ihr anzukommen, erfrischt oder auch zerschlagen. Dazwischen liegt nicht nur der Schlaf, sondern manchmal auch der Traum. Oder sollte der Traum immer im Spiel und nur die Erinnerung an unsere nächtlichen Traumerlebnisse eine recht selektive Angelegenheit sein? Bloß, welchen Status wollten wir einem Traum zusprechen, an den wir uns nach dem Erwachen nicht erinnern? Und könnte nicht der artikulierbare Traum erst im Moment des Erwachens Form annehmen oder wenn wir dazu ansetzen, ihn uns selbst oder anderen zu erzählen? Ganz abgesehen von der Frage, was sich dann mit dieser Erzählung anfangen lässt. Es sind wenige Schritte, mit denen man bei der merkwürdigen Unfassbarkeit des Traums anlangt. Nicht nur, weil seine Inhalte befremdlich und schwer zu fassen sein mögen, sondern weil er als Phänomen selbst nicht eindeutig festzulegen ist.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Verhältnisbestimmung von Traum und Wirklichkeit

          Sprechen wir von ihm, befinden wir uns jenseits der Schwelle, die uns von der Sphäre trennt, der er angehören soll. Und das ist nicht irgendeine Schwelle: Die Grenze zwischen der Wirklichkeit des Wachens und jener des Traums lässt sich nicht von einem neutralen Standpunkt aus ins Auge fassen, der keinem oder beiden Bereichen angehören würde. Was den Traum ausmacht, ergibt sich deshalb nicht einfach aus einem Vergleich zwischen zwei schlicht gegebenen Bereichen, sondern ist das Resultat einer unumgänglichen Operation: Traumwirklichkeit und „wirkliche“ Wirklichkeit voneinander abzusetzen.

          Wie diese Operation ausgeführt wird, das bestimmt, welcher Stellenwert dem Traum jeweils zugesprochen wird. Aber gleichzeitig sollte sich an solchen Verhältnisbestimmungen dann auch zeigen, was es mit der vom Traum abgetrennten eigentlichen Wirklichkeit auf sich hat: welche Charakteristika sie auszeichnen, welche Erwartungen an sie geknüpft, welche Techniken zu ihrer Bewältigung anempfohlen werden. Mit anderen Worten: Eine Geschichte der verschiedenen Bestimmungen des Traums sollte sich auch als Geschichte der mit ihr verknüpften Wirklichkeit verstehen lassen. Eine solche Geschichte der Wirklichkeit ist der Fluchtpunkt von Petra Gehrings Darstellung der verschiedenen Weisen der Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit im westlichen Denken.

          Herangezogen hat die in Darmstadt lehrende Philosophin dafür mehr oder minder ausgearbeitete Traumtheorien, sofern diese bei der Unterscheidungsfrage nur grundsätzlich genug verfahren, als zeittypisch gelten dürfen oder Perspektiven von nachhaltiger Wirkung ins Spiel brachten. Nicht die ganze Breite verschiedener Traumdiskurse und mit ihnen verknüpfter Praktiken soll also inventarisiert werden. Der Akzent liegt vielmehr auf Traumtheorie, und damit wird tiefer gezielt: auf Grundfiguren der Verhältnisbestimmung von Traum und Wirklichkeit. Wenn wir wach sind, wissen wir darum. Doch wenn wir träumen - sogenannte Klarträume einmal beiseitegesetzt -, wissen wir nicht, dass wir träumen. Das ist der Befund, auf den Philosophen von Plato bis zur Neuzeit setzten, wenn sie die Frage ins Spiel brachten, worin sich eigentlich die reale von der geträumten Wirklichkeit letztlich unterscheiden lasse.

          Der Traum als losgelassene Imagination

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