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Peter Stephan: Der vergessene Raum : Vergittert, verglast und vermauert

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„Der vergessene Raum” von Stephan Peter, Schnell & Steiner Bild:

Grundstürzend neu: Peter Stephan deckt mit seiner brillanten Studie „Der vergessene Raum“ den verlorenen Reichtum historischer Fassadenarchitektur auf.

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          Der gewöhnliche Weg bauhistorischer Forschungen führt abwärts in das Dunkel der Nachlässe und Archive, um Vergessenes zu bergen oder Unvollendetes zu rekonstruieren. Selten hat man vom anschließenden Fall gehört, dass ein Wissenschaftler danach bei hellem Tageslicht die Augen aufschlägt und an bekannten Bauwerken etwas grundstürzend Neues entdeckt. Dieses Kunststück ist dem Freiburger Kunsthistoriker Peter Stephan mit seiner brillanten Arbeit „Der verschwundene Raum“ gelungen.

          Obwohl das Thema der historischen Fassadenarchitektur längst erschöpft zu sein scheint, eröffnet Stephans Untersuchung über die dritte Dimension von Gebäudefronten eine geradezu phantastische Neubewertung der letzten fünfhundert Jahre Baugeschichte. Der Autor geht von der schlichten Frage aus, wie Architekten ihre Baukörper mit passenden Fassadenmänteln für den geziemenden städtischen Auftritt ausrüsteten. Daraus entwickelt er eine gleichermaßen objekt- wie umgebungsbezogene Perspektive, die in die Häuser hinein- und in die Stadt hinaussieht. Das gelingt ihm durch die geduldige Betrachtung jener Raumschwelle zwischen Innen und Außen, die im allgemeinen Verständnis nur die Stelle ist, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.

          Auch in der Kunstgeschichte hat es vor Stephan keine vergleichbare Untersuchung zur Raumhaltigkeit von Fassaden gegeben, weil diese Übergangszonen und Grenzbereiche für die Raster der Ikonographie zu groß und für diejenigen der Raumstilanalyse zu klein sind. Und seitdem das zwanzigste Jahrhundert das dreidimensionale Fassadengesicht (face, faccia) unter Luxus- und sogar Lügenverdacht stellte, ist das einst vornehmste Element der Baukunst zur nahezu entstofflichten Membran geworden, deren Raumbildungskraft gegen null tendiert.

          Die abendländische Baukunst bleibt auf der Strecke

          Stephans opulent ausgestattetes Buch, mit dem die Görres-Gesellschaft ihre neue kunstwissenschaftliche Reihe „Eikoniká“ eröffnet, macht deutlich, in welch massivem Umfang bedeutende Bauwerke seit der frühen Neuzeit umgestaltet wurden. Würde man aus seinen Transformationsbeispielen ein Daumenkino machen, so zeigten der Petersplatz und -dom, das Obere Wiener Belvedere, Schinkels Altes Museum sowie unzählige Schlösser und Adelspaläste in Europa gleichermaßen ein progressives sklerotisches Krankheitsbild: Sämtliche Öffnungen, Durchgänge und Schnittstellen wurden spätestens seit dem neunzehnten Jahrhundert verhangen, vergittert, verglast und vermauert. Die Verstopfung der einst porösen, perforierten und zuweilen geradezu vibrierenden Häuser mit ihrem Reichtum an unverbauten Vestibülen und Loggien, Vorhallen und Freitreppen, Balkonen und Wandelgängen geschah vor aller Augen und mit Zustimmung der Denkmalpflege.

          Jedesmal waren die Begründungen - Konservierung, Wetterschutz, Gebäudesicherheit - allseits akzeptiert. Nur blieb dabei ein Wesenselement der abendländischen Baukunst auf der Strecke, nämlich Erscheinungsraum der sozialen Akteure zu sein und dies mit dreidimensional geschichteten Fassadenschwellen auch sinnlich erfahrbar zu machen. Die Aufgabe dieser Transitzonen war lange Zeit die Vermittlung von heiligen und profanen Geltungsbereichen, später die Scheidung von öffentlichen und privaten Nutzungsansprüchen und durchgängig das Grenzregiment zwischen Alltag und Fest.

          Raumhaltige Fassaden beschreibt Peter Stephan als genuine Schauplätze zeremonieller Ereignisse. Das geschah oft temporär, wenn etwa der Pariser Magistrat im achtzehnten Jahrhundert zu Maskenbällen die Fensterflügel und -kreuze aus der Rathausfassade entfernte oder die sächsischen Kurfürsten bei Hochzeitsfesten die Galerien und Pavillons des Zwingers in offene Zuschauerlogen verwandelten. Doch bei den meisten Prachtbauten ging schon im Entwurf die Inszenierung von Öffentlichkeit mit Gebäudeöffnungen einher. Im Hof des päpstlichen Belvedere-Palastes im Vatikan dienten die offenen Loggien bei Umzügen und Turnieren als Besuchertribünen, und den Petersplatz muss man sich ursprünglich als eine Art Palast der Winde vorstellen.

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