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Peter Spiro: Nur uns gibt es nicht wieder : Wo Balthus auf den Geschmack an der Malerei kam

Bild: Edition Memoria

Eugen Spiro war im Berlin der Weimarer Republik einer der bekanntesten Maler, bevor er zur Emigration gezwungen wurde. Die Erinnerungen seines Sohnes geben Einblick in bürgerliches Künstlertum.

          Es ist nicht nur der 1994 gegründete Verlag EditionMemoria allein, mit dem Thomas B. Schumann an das Schicksal der vor dem Nationalsozialismus geflohenen deutschen Exilanten erinnert. Der unermüdliche Kölner hat auch eine eigene Sammlung angelegt, in der er Lebenszeugnisse aus jener Gruppe bewahrt. Darunter sind auch zwei Gemälde von Eugen Spiro, einem Künstler, an den vor achtzig Jahren niemand hätte erinnern müssen, denn er war neben Max Liebermann der bekannteste Maler im Berlin der Weimarer Republik. Liebermann starb 1935, musste also noch zwei Jahre lang erleben, wie seine Kunst abqualifiziert wurde, weil er Jude war. Spiro erlebte das Gleiche; er gab dem Sarg des Rivalen Liebermann noch das letzte Geleit und ging dann mit seiner Familie nach Paris. 1941 musste er weiter nach Amerika fliehen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dort konnte er einen alten Traum verwirklichen und Albert Einstein porträtieren. In Berlin hatte ihm der Physiker dieses Ansinnen noch abgeschlagen: Er lasse sich nur von Künstlern malen, die um ihre Existenz kämpfen müssten. Das konnte der beliebte Spiro nicht von sich behaupten. Doch sofort nach seiner Ankunft in New York schrieb er an Einstein, um ihm mitzuteilen, dass er nun nicht nur durch die Flucht bedürftig, sondern in dem fremden Land auch hinreichend unbekannt sei. Das war beides leider nur zu wahr, und Einstein stimmte sofort einer Porträtsitzung zu.

          Freiheit als Voraussetzung für Wagemut

          Diese Geschichte vom ersten größeren Auftrag für Eugen Spiro in dem Land, das bis zum Tod 1972 die neue Heimat werden sollte, erzählt sein Sohn Peter Spiro in den Erinnerungen, die jetzt in der EditionMemoria erschienen sind. Sie dürfen aus mehrerlei Hinsicht Interesse beanspruchen: als Anregung, den 1878 geborenen Impressionisten Eugen Spiro, der zum bedeutenden Porträtisten der Berliner Gesellschaft wurde, wieder ins deutsche Bewusstsein zu holen; als Einblick in ein bourgeoises Künstlertum, das die private Freiheit als Voraussetzung für ästhetischen Wagemut lebte und dabei wenig Rücksichten auf den Familienverbund nahm; als Mahnung, wie unbeständig künstlerischer Ruhm ist; und nicht zuletzt auch als Reminiszenz an zwei wenig ältere Cousins von Peter Spiro, mit denen er als Knabe spielte und die zeitweise im Berliner Haus des Vaters lebten: Pierre und Balthasar Klossowski, der Erste später einer der bekanntesten französischen Schriftsteller, der Zweite unter seinem Künstlernamen Balthus ein weltweit gefeierter Maler.

          Erste Faszination für die Malerei entwickelte Balthus im Atelier von Eugen Spiro, und dessen in zwei Versionen überliefertes Gemälde seiner beiden kleinen spielenden Neffen Pierre und Balthasar ist eines der meisterhaften Kinder-Porträts in der Kunstgeschichte. Auch der eigene Sohn Peter, geboren 1918, wurde oftmals zum Gegenstand von Eugen Spiros Malerei, und der umfangreiche Bildteil, der das Buch ergänzt, macht einige dieser Arbeiten aus dem Privatbesitz des Autors zugänglich. Er bietet übrigens auch Bilder von Peter Spiro und dessen Tochter Elisabeth, die nach Meinung ihres Vaters Eugens Talent geerbt hat.

          In Deutschland vergessen

          In dieser Betonung der künstlerischen Familientradition klingt aber auch die Traurigkeit darüber an, als wie vergesslich sich Deutschland gegenüber Eugen Spiro gezeigt hat. Als sein Sohn in den achtziger Jahren letztmals in Berlin war, berichtete er seiner greisen, mittlerweile in London lebenden Mutter über seinen Eindruck von der wiederbelebten Stadt. Sie antwortete ihm: „Ja, das gibt es wieder, und das gibt es wieder, alles gibt es wieder, nur uns gibt es nicht wieder.“ Der bittere Satz hat den Erinnerungen ihren Titel geben.

          Man darf kein literarisches Ereignis erwarten; es handelt sich nicht um einen großen geschlossenen Text. Aber Peter Spiro erweist sich als ehrlicher und genauer Chronist, der im Alter von mehr als neunzig Jahren die ihm wichtigsten Episoden seines Lebens zusammengetragen, die Familiengeschichte rekonstruiert und das Konvolut schließlich noch um zwei kürzere Texte seines Vaters ergänzt hat. In einem davon, verfasst 1964 für eine Ausstellung in New York, schreibt Eugen Spiro: „Wenn ich meine Arbeiten überblicke, berührt mich in erster Linie die Tatsache, dass die Wechsel, Umbrüche und Wandlungen, die das 20. Jahrhundert hervorbrachte, sich nicht in meiner Malerei spiegeln.“ Umso intensiver taugt sein Leben als Spiegel für diese Erfahrungen. Das ist die Leistung der Erinnerungen von Peter Spiro.

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