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Peter Sloterdijk: Du musst Dein Leben ändern : Der Dreizehnkampfrekordhalter

Also nicht „Schneller, höher, weiter“ im modernen olympischen Sinne? In gewissem Sinne doch, zumindest was die Sehnsucht nach Höhe angeht. Die Vertikalität im Gegensatz zur an die Erde gebundenen Horizontalität ist für Sloterdijk die wahre Herausforderung, der der Mensch sich zu stellen hat. Von Nietzsches Zarathustra entlehnt er die Forderung, dass der Mensch sich hinauf- statt fortzupflanzen habe. Dadurch werde die alte Vertikalität der gesellschaftlichen Hierarchie abgelöst.

Bodybuilding zum Übermenschen

Allerdings entstehen in asketischer Übung auch Unterschiede – nämlich je nach der Praxis der jeweiligen Askese. Hierin sieht Sloterdijk einen neuen Schlüssel für das Verständnis von Ungleichheit, den es nunmehr zu nutzen gilt. Dadurch ist das Buch entgegen ersten Verlagsankündigungen auf mehr als siebenhundert Seiten angeschwollen und um ein halbes Jahr verspätet.

Aber das macht nichts, auch wenn die Prägnanz von Sloterdijks Thesen, die im vergangenen Jahr in seiner Dankesrede zum Wolfenbütteler Lessing-Preis noch so eindrucksvoll geriet (F.A.Z. vom 14. Mai 2008), unter der empirischen wie geistesgeschichtlichen Materialfülle arg gelitten hat. Erst sehr spät wird der zentrale Gedanke der Immunologie ausgeführt, und es mögen noch die Verwundungen sein, die Sloterdijk aus der Debatte um seine provokativen „Regeln für den Menschenpark“ von 1999 davongetragen hat, die ihn jetzt vorsichtig gemacht haben, das Thema der Perfektibilität des Menschen allzusehr in den Mittelpunt zu stellen. Nur in einer Fußnote etwa wird einmal das Thema Eugenik positiv angesprochen. Aber natürlich ist es in Begriffen wie Artistik und Athletik bereits enthalten: als ein Bodybuilding hin zum Übermenschen, der hier aber nur im vertikalen und eben nicht hierarchischen Sinne verstanden werden soll.

Neigung zum Jargon

Die entsprechenden Beispiele aus mehr als zwei Jahrtausenden und über die Kontinente und Kulturen hinweg sind der Hauptgegenstand des Buches. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf orientalischen Meditations- und Askesepraktiken, die Sloterdijk auch noch im europäischen Denken vor Anbruch der Neuzeit am Werke sieht, ehe sie systematisch ausgetrieben wurden, weil sie nicht ins neue System des Kapitalismus passten. Trotz seiner Skepsis gegenüber dieser Entwicklung – und das ist noch ein schwacher Begriff; wäre das Buch nicht so kühl geschrieben, müsste man fast von Verzweiflung reden – ist Sloterdijk aber mittlerweile ganz von Marx abgerückt, erst recht von den Praktikern des Marxismus. Was bleibt, ist eine gewisse Faszination für den Ökonomietheoretiker Marx – und für den Systematiker. Darin muss Sloterdijk natürlich ein Vorbild erkennen. Er setzt ja selbst die deutsche Tradition des systematischen Philosophierens, die man mit Adorno beendet glaubte, aufs Eindruckvollste fort.

Die engste Verwandtschaft aber besteht zu Elias Canettis „Masse und Macht“. Des anthropolgischen Ansatzes wegen und des Anspruchs, eine neue Grundlage fürs Verstehen der Menschheitsgeschichte zu schaffen. Nur verliert sich Sloterdijk leider zu häufg in einem Jargon, der seine Darstellung dunkel macht; seine Liebe zu Begriffsprägungen und höchster Emphase, wenn es um eigene Einsichten geht, führt bisweilen gar an den Rand des Lächerlichen. Dann aber wiederum glänzt er mit Aperçus: Jesuitische Exerzitien etwa sind ihm „autogenes Training der Zerknirschung“, und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule nennt er „ein Pseudonym für einen vom Glauben an die Revolution verlassenen Marxismus“.

Nicht ohne Trainer

Was das Buch wichtig und interessant macht, ist indes nicht sein überbordender Geistreichtum. Vielmehr ist es die Bemühung, das eigene systematische Denken wieder verstärkt auf das Individuum auszurichten, auch wenn in der Feststellung, dass es die Funktion meines Trainers ist, zu wollen, dass ich etwas will, eine bösartig-hellsichtige Relativierung steckt, denn ohne Trainer ist das Prinzip des Sloterdijkschen Übens nicht durchzuführen. Und die Selbstsicherheit des Autors ist ein rhetorisches Vergnügen. Wenn man dauernd gewinnt, macht es ja viel mehr Spaß – auch dem Leser.

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