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Peter Singer: Leben retten. Wie sich Armut abschaffen lässt : Zu glatt, um wahr zu sein

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Bild: Arche

Peter Singer, der Provokateur unter den Moralphilosophen, erklärt in seinem neuen Buch, was es heißt, ein guter Mensch zu sein: von seinem Hab und Gut so viel den Armen geben, bis die Armut abgeschafft ist. Das geht ins Geld.

          Obwohl der Anteil der Erdbevölkerung, der mit weniger als dem absoluten Existenzminimum auskommen muss, noch nie in der Geschichte der Menschheit so gering war wie heute, sterben 27 000 Kinder pro Tag an Erkrankungen wie Durchfall, die mit mäßigem finanziellem Aufwand zu heilen wären. Dass dies ein moralischer Skandal sei, ist leicht gesagt. Aber was folgt daraus für die persönliche Lebensführung? So hat der Rezensent keine Bedenken, hundert Euro für eine Konzertkarte zu bezahlen. Liegt darin, dass er sein Honorar statt für notleidende Kinder in Afrika für Christian Zimmermann ausgibt, eine moralische Verfehlung?

          Der australische Moralphilosoph Peter Singer, seit seinem umstrittenen Buch „Praktische Ethik“ auch in Deutschland bekannt, beantwortet diese Frage mit einem glatten Ja. Musikgenuss sei etwas Nettes, lebensnotwendig aber sei er nicht. „Wenn wir uns entscheiden, unser Geld für diese Dinge auszugeben, statt anderen Menschen das Leben zu retten, dann ist das moralisch falsch und beweist einen Mangel an Mitgefühl.“ Ein guter Mensch zu sein heiße, „mit anderen zu teilen, bis jede weitere Gabe ein Opfer wäre, das annähernd so schwer wiegt wie die Not, die unsere Hilfe lindern soll“.

          Verwerflicher ethischer Partikularismus

          Singers Begründung für diese radikale Forderung ist denkbar schlicht. Wenn es in unserer Macht stehe, etwas Schlimmes zu verhindern, ohne ein annähernd so bedeutendes Opfer bringen zu müssen, dann sei es verwerflich, dies nicht zu tun. Andernfalls würden wir den Bedürfnissen anderer Menschen eine geringere Bedeutung beimessen als unseren eigenen. Dies aber sei unvereinbar mit dem Grundsatz, dass das eine Leben nicht mehr oder weniger wert sei als ein anderes. Jede Bevorzugung einer engeren Gruppe, sei es die eigene Familie oder das eigene Volk, erscheint in dieser Perspektive als Ausdruck eines ethischen Partikularismus, der zwar evolutionstheoretisch erklärbar sein mag, dem aber stets ein gewisser haut gout anhaftet.

          Diese Argumentation ist buchstäblich zu glatt, um wahr zu sein. Der sie tragende Satz, jedes menschliche Leben sei gleich viel wert, entstammt eher der Sphäre politischer Rhetorik als derjenigen philosophischer Reflexion. Vollständig ausformuliert, lautet er: Jeder Mensch darf erwarten, dass zur Erhaltung seines Lebens in etwa so viel aufgewendet wird wie zur Bewahrung des Lebens eines beliebigen anderen Menschen. Diese Voraussetzung ist indessen nur schlüssig, wenn man entweder eine utilitaristische oder eine radikal-kommunitaristische Position zugrunde legt. Beiden Auffassungen, so unterschiedlich sie ansonsten sind, ist die Überzeugung gemeinsam, dass den in einer Gesellschaft verbundenen Menschen, wie es in der Apostelgeschichte heißt, „alles gemeinsam“ ist. Jegliche Güterzuweisungen an einzelne Gruppenmitglieder sind deshalb nur vorläufig. Sie stehen durchweg unter dem Vorbehalt, dass nicht eine andere Verteilung dem Gruppeninteresse besser entspricht. Ist dies der Fall, so muss der Einzelne sich von den ihm zur Verwaltung anvertrauten Gütern trennen.

          Abgestufte Verantwortlichkeit statt Gemeinwohlvorbehalt

          Freiheitliche Gesellschaften haben gute Gründe, subjektive Rechte nicht mit einem derart weitreichenden Gemeinwohlvorbehalt zu versehen, sondern ein System abgestufter Verantwortlichkeiten zu etablieren. Im Rahmen frei gewählter Solidargemeinschaften wie der Familie oder in besonders verdichteten Leistungs-Gegenleistungs-Beziehungen wie im Verhältnis des Bürgers zu seinem Staat bestehen demnach moralisch und rechtlich weitergehende Einstandspflichten als gegenüber Fremden. Das bedeutet freilich nicht, dass man diese ungerührt ihrem Schicksal überlassen dürfte. Es gibt einen Imperativ der existentiellen Not, gegründet auf die Evidenz des Leidens. Die daraus resultierenden Verpflichtungen liegen freilich weit unterhalb dessen, was man innerhalb von normativen Sonderbeziehungen schuldet. Auch Singer selbst will sich im praktischen Ergebnis mit einer Spendenhöhe von fünf Prozent des Einkommens begnügen. Bei ihm erscheint dies aber nur als Konzession an den beschränkten Altruismus der Menschen. Tatsächlich sprechen genuin normative Gründe dafür, es mit einer solchen halbwegs gemäßigten Forderung bewenden zu lassen.

          Der Imperativ der existentiellen Not beruht auf der stillschweigenden Annahme einer allein auf die gemeinsame Gattungszugehörigkeit gestützten fundamentalen Verantwortlichkeit aller Menschen füreinander. Allerdings hat gerade Singer in seinen Beiträgen zur Lebensrecht- und zur Tierschutzdebatte eine solche Annahme als Ausdruck eines quasirassistischen „Speziesismus“ gegeißelt. Den Preis dafür bezahlt er jetzt mit den latent freiheitsfeindlichen Implikationen seines Ansatzes. Singers Anliegen, die Angehörigen der reichen Nationen zu einer Ausweitung ihrer Hilfe für die Ärmsten aufzurufen, verdient allen Respekt. In begründungstheoretischer Hinsicht ähnelt seine Konzeption jedoch einem Argument ohne Unterleib.

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