https://www.faz.net/-gr3-14pnb

Peter Koslowski: Ethik der Banken : Der Systemgedanke als billige Ausflucht

Vertrauen ist ethisch relevant

Natürlich funktioniert so eine Symbiose nur, solange alle einander vertrauen - vor allem die Kunden ihrer Bank. „Vertrauen ist ethisch relevant, weil es aufgrund seiner Natur nicht vollständig durch Kontrolle ersetzt werden kann“, schreibt Koslowski. Die Kunden müssen sicher sein können, dass die Bank ihr Geld nicht in zu großem Umfang in zu große Risiken steckt. Gesetzlich unterliegen die Banken deshalb der sogenannten Mindestreservepflicht: Sie müssen für jedes eingegangene Risiko eine bestimmte Summe als Sicherheit im eigenen Tresor bunkern. Zweck dieses Gesetzes wiederum ist, dass die Banken selbst nicht in Gefahr geraten. Banken sind dazu angehalten, weder das Gesetz noch dessen Geist zu umgehen. Gleichwohl taten sie das. Einige von ihnen kreierten komplizierte Wertpapiere, die ihnen gestatteten, die gesetzlich vorgegebenen Risikoschranken zu überschreiten. Dass das ethisch falsch war, leitet Koslowski allein aus seiner Darstellung der konkreten Finanzprodukte und ihrer Funktion ab.

Zugleich steuert er damit aber auch auf eine grundsätzlichere Frage zu: War und ist diese Finanzkrise eine Systemkrise oder eine Handlungskrise? Allzu oft flüchten sich die Beteiligten in angebliche Systemzwänge, was immer dann offensichtlich wird, wenn „falsche Anreize“ oder „falsche Anreizstrukturen“ geltend gemacht werden, als ob es sich dabei um Naturgesetzlichkeiten handle. „Der Systemgedanke muss scharf kritisiert werden, wenn er für die Zuweisungen von Nicht-Verantwortlichkeiten verwendet wird“, schreibt Koslowski dazu und fordert: „In jedem System tragen die in ihm Handelnden, vor allem die mit Macht ausgestatteten, Verantwortung für das System als ganzes, die Handlungen in ihm und die Entwicklung des Systems in der Zeit.“ Dabei ist gerade die Reflexion nicht nur systemischer Fehler, sondern auch individuell zurechenbaren Fehlverhaltens ausschlagebend dafür, ob sich die Krise nachhaltig wird überwinden lassen.

Auf die Sachnatur begrenzt

Sind die aus der (ökonomischen) Sachnatur abgeleiteten Regeln nun zwingend? Ganz bewusst lehnt Koslowski ab, seine Ethik an das Wohl einer übergeordneten Instanz zurückzubinden, wie das etwa der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich tut, der in Anlehnung an Jürgen Habermas den Diskurs einer republikanischen Bürgeröffentlichkeit zum Kristallisationspunkt aller ethischen Beurteilung macht. Ein solcher Diskurs wäre imstande, Kritik auch an der von Koslowski geltend gemachten Sachnatur ethisch klärend zu reflektieren. Koslowski, der seinen Ansatz methodologisch auf die Sachnatur begrenzt, kann das von seinem Ansatz her nicht. Zuweilen fällt das auf. An einer Stelle fragt er etwa, ob „Geist und Zeit produktiver als in der Spekulation“ hätten eingesetzt werden können. Gerade hatte er da die gewaltigen Summen beschrieben, die spekulativ angelegt wurden und sie auf den Wert der Wirtschaftsproduktion bezogen. Er diagnostiziert eine Unverhältnismäßigkeit und suggeriert damit ein klares Ja auf seine Frage.

Nur, wofür die Zeit „produktiver“ hätte verwendet werden können, das lässt sich daraus nicht folgern. Vielleicht fehlt heute - auch wenn das anmaßend klingen sollte - genau davon eine Vorstellung.

Weitere Themen

Ein Star und viele Leichtgewichte

Volleyball-EM der Frauen : Ein Star und viele Leichtgewichte

Volleyball-Bundestrainer Felix Koslowski setzt bei der Europameisterschaft auf Innovation und die Kraft des Kollektivs. Nur eine Spielerin ragt heraus – und soll die Sonderrolle auch ausfüllen.

Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

Die neue Lust an der Askese

Hanks Welt : Die neue Lust an der Askese

Um den Klimawandel aufzuhalten, wird immer mehr Verzicht gepredigt, gleichsam als alternativlos. Das beraubt uns der Möglichkeit, diesen mithilfe technischen Fortschritts zu stoppen.

Topmeldungen

Proteste in Hongkong : Der rasante Verfall der Meinungsfreiheit

China übt druckt auf jedes Unternehmen aus, das die Hongkonger Demonstranten unterstützt. Unter den Mitarbeitern der Fluglinie Cathay Pacific herrschen inzwischen Angst und Misstrauen.

Fed-Präsident Jerome Powell : Trumps Buhmann

Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.