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Theater der Weimarer Republik : Die Großhändler der leichten Muse

Alfred und Fritz Rotter, in ihrer Mitte Alfreds Ehefrau Gertrud, vermutlich um 1930 Bild: Abb. aus dem bespr. Band / Privatarchiv Peter Ullmann

Gefeiert und gejagt: Peter Kamber beschreibt das Leben und den Tod der erfolgreichen Berliner Theaterunternehmer Fritz und Alfred Rotter.

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          Sie wurden erst belächelt, dann beneidet und schließlich verhöhnt und bekämpft. Man hat sie verfolgt, denunziert, mit Prozessen überzogen und in den Tod getrieben, nicht im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich. Alfred und Fritz Rotter wurden von ihren Feinden zu Tode gehetzt. Drei Dinge mussten sich die Brüder Rotter zeitlebens vorwerfen lassen: Sie wollten Theater machen und Geld damit verdienen. Sie hatten Erfolg. Sie waren Juden.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Zeit war eine völlig andere, aber die Frage stellt sich auch heute wieder: Woher nur kommt all der Hass? Als der Dramatiker Arnolt Bronnen, der 1930 zusammen mit Ernst und Friedrich Georg Jünger und SA-Leuten Thomas Manns später berühmt gewordene „Deutsche Ansprache“ im Berliner Beethoven-Saal verhindern wollte, mehr als zwei Jahrzehnte später auf jene Zeit zurückblickte, gab er sich ratlos: „Ich hatte einen Zorn, ich weiß nicht gegen was, mag sein, gegen alles.“ Die Weltwirtschaftskrise wütete, die „Goldenen Zwanzigerjahre“ waren gerade zu Ende gegangen. Die Schauspielerin Trude Hesterberg hat später bekannt, dass ihr diese Bezeichnung geradezu Abscheu einflößte: „Es lagen viele Leichen im Landwehrkanal, fast jeden Tag eine. Junge und alte Menschen, Menschen, die keinen Ausweg mehr aus der Not fanden, suchten in den schmutzigen kalten Wassern, die sich durch Berlin zogen, nach Erlösung.“

          Operettenhauptstadt Berlin

          Erlösung suchten die Menschen auch im Theater, vor allem in Berlin. Die „New York Times“ konstatierte im Dezember 1929, dass Berlin Wien als Hauptstadt der Operette abgelöst hatte. Worauf beruhte der Siegeszug der Berliner Operette? Die Zeitung zitierte Alfred Rotter, den älteren der beiden Rotter-Brüder: Das Publikum gehe in eine Operette, um herzhaft zu weinen. Man weinte mit Franz Lehár und Richard Tauber, Käthe Dorsch und anderen Stars. Viele von ihnen standen bei Fritz und Alfred Rotter unter Vertrag. Berlin, so der berühmte Schauspieler Alexander Granach in seiner Autobiographie „Da geht ein Mensch“, war die „heißeste, kochendste Theaterstadt Europas“. Die Rotters haben dazu viel beigetragen.

          Peter Kamber: „Fritz und Alfred Rotter“. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil.Henschel Verlag, Leipzig 2020. 504 S., Abb., geb., 26,– .
          Peter Kamber: „Fritz und Alfred Rotter“. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil.Henschel Verlag, Leipzig 2020. 504 S., Abb., geb., 26,– . : Bild: Abb. Henschel Verlag

          Peter Kamber, in Berlin lebender Publizist aus Zürich, hat in seiner geradezu unmäßig materialreichen Studie „Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil“ ausgewertet, was die Archive hergaben: Akten, Verträge, Protokolle, Briefwechsel, Memoranden, Memoiren. Vor allem aber zitiert Kamber aus den zeitgenössischen Theaterkritiken und Zeitungsartikeln. Herbert Jhering, Kurt Tucholsky, Siegfried Jacobsohn, Alfred Kerr, alle haben sie über die Rotters und ihre Produktionen geschrieben und sich an den oft überwältigenden Publikumserfolgen der Brüder abgearbeitet. Längst nicht immer machen die großen Kritiker von gestern dabei eine gute Figur. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir den hohen Säuregrad ihrer Polemiken nicht gewohnt sind. Die Kritik fühlte sich berufen und legitimiert, das Populäre mit nahezu allen denkbaren Mitteln zu bekämpfen. So scharfsinnig die Analysen, so brillant die Formulierungen auch sein mögen, es irritiert der oft anmaßend-erbarmungslose Zungenschlag des Kunstrichters, der nicht nur verreißt, sondern ausgemerzt sehen möchte, was ihm missfällt.

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