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Peter Heather: Invasion der Barbaren : Germanien schafft sich ab

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Sie kamen nicht als Freunde: Der britische Historiker Peter Heather erzählt die Geschichte der Völkerwanderung als Panorama von Raubzügen und wechselnden Identitäten.

          5 Min.

          Im Jahr 448 nach Christus trifft der griechische Geschichtsschreiber Priskos auf einer Gesandtschaftsreise ins Feldlager des Hunnenkönigs Attila einen Mann, der ihn auf Griechisch anspricht, obwohl er wie ein Steppenkrieger gekleidet ist. Nach seiner Herkunft gefragt, erklärt der Fremde, er sei als römischer Kaufmann beim Untergang der Donaufestung Viminacium in die Hände der Hunnen gefallen und habe seinen gesamten Besitz verloren. Später, nachdem er sich auf hunnischer Seite im Kampf gegen Oströmer und feindliche Reitervölker ausgezeichnet habe, sei ihm von seinem neuen Herrn, einem Gefolgsmann Attilas, die Freiheit geschenkt worden. Daraufhin habe er mit einer Barbarenfrau eine Familie gegründet und genieße nun sein zweites Leben als Wahlhunne.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Mit dieser Anekdote illustriert Peter Heather eine zentrale These seines Buches über die „Invasion der Barbaren“. Das erste Jahrtausend nach Christus, wie es Heather schildert, war eine Epoche geschichtlicher Umwälzungen, durch die sich immer neue Groß- und Kleinreiche in die politische Landkarte Europas einschrieben - Umwälzungen, die vor allem von Massenmigrationen ausgelöst wurden. Aber diese Migrationen waren keine „Völkerwanderungen“, weil die Gruppen, die an ihnen teilnahmen, keine Völker im traditionellen Sinn, sondern Zweckgemeinschaften darstellten.

          Das Ende der Antike

          Nicht jeder, der sich ihnen anschloss, konnte seine Identität so frei wählen wie der Römer aus Viminacium im heutigen Serbien, der sich als Hunne neu erfand. Heather berichtet jedoch auch von einem gotischen Grundbesitzer, der in dem zwanzigjährigen Ringen zwischen Ostgoten und Römern um die Vorherrschaft in Italien mehrmals die Seiten wechselte, um sein Eigentum vor der Kriegsfurie zu bewahren. Schon den germanischen Urvätern, die das neunzehnte Jahrhundert als Freiheitskämpfer mit Flügelhelm und Adlerblick verherrlichte, war das ökonomische Hemd also näher als die nationalgotische Hose.

          „Invasion der Barbaren“ ist die Fortsetzung der epischen Studie zum „Untergang des Römischen Weltreichs“, die Heather vor sechs Jahren veröffentlicht hat (die deutsche Übersetzung erschien 2007). Polemisierte er darin mit guten Gründen gegen eine neuere, soziologisch geprägte Richtung in der Geschichtswissenschaft, die das Ende der Antike als Ergebnis mehr oder minder friedlicher Transformationsprozesse versteht, so hat er nun jene Kollegen im Visier, deren Bild von Migrationen im Frühmittelalter sich vor allem aus gewaltlos vordringenden Kleingruppen (“wave of advance“) und wandernden kulturellen Oberschichten (“Elitetransfer“) zusammensetzt.

          Erzeugung einer Barbarenklientel

          Die Geschichte, die Heather in seinem neuen Buch erzählt, ist eine andere, sie handelt von Kriegerverbänden, die sich, von Frauen und Kindern begleitet, gegen den Widerstand Alteingesessener neue Lebensräume erstreiten, von Neusiedlern, die die Parzellen vertriebener Grundbesitzer unter sich aufteilen, und Räuberhorden, die sich mit dem in Klöstern und Städten geplünderten Gut als Wehrbauern zur Ruhe setzen. Es ist keine heroische oder idyllische Geschichte, aber sie hat den Vorzug, dass sie mit den archäologischen Befunden übereinstimmt, auch wenn manche Ausgräber sich bis heute weigern, das Wort „Migration“ in ihren Berichten zu verwenden.

          Die ersten unter den Völkerschaften, die sich im ersten nachchristlichen Millennium massenhaft auf die Socken machten, waren die Goten. Angelockt vom römischen Gold, das auf den Routen des Bernsteinhandels zu ihnen kam, verlegten sie im Lauf des dritten Jahrhunderts ihren Aktionsraum vom Oder-Weichsel-Gebiet ans Schwarze Meer. Dabei folgten sie, wie Heather zeigt, einer historischen Gesetzmäßigkeit: Zivilisatorisch fortgeschrittene Reiche erzeugen an ihren Rändern stets eine Barbarenklientel, die ihnen mit steigendem politischen Organisationsgrad militärisch ebenbürtig wird.

          Migration ohne Wiederkehr

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