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Peter Ghosh: A Historian Reads Max Weber : Die puritanische Gegenrevolution

Bild: Verlag

Max Weber ist ein Klassiker, der empirisch gearbeitet hat. Was bedeutet das? Der englische Historiker Peter Ghosh vermittelt durch quellenkritische Studien eine neue Vorstellung von der Originalität der „Protestantischen Ethik“.

          4 Min.

          Ein frappierender Beweis für die Produktivität der Einheit von Lehre und Forschung geht uns aus Oxford zu. Peter Ghosh, der am dortigen St. Anne's College Geschichte unterrichtet, bekennt, dass er nie Max Weber gelesen hätte, wenn er nicht vom Lehrplan dazu genötigt worden wäre. Ghoshs Schriftenverzeichnis sieht eher so aus, als suchte er sich die Themen seiner Forschung in souveräner Freiheit, als Herausforderungen eines hartnäckigen Scharfsinns, der in philologischer Feinarbeit von hohen technischen Ansprüchen und in der klaren Bestimmung von Problemen und Begriffen brilliert. Seine zumal in der Kombination exotisch anmutenden Spezialgebiete umfassen das Werk Edward Gibbons und die Finanzpolitik Benjamin Disraelis - der Witz bei letzterem Sujet ist, dass Ghosh gegen eine übermächtige Meinung antritt, die Disraelis Rivalen Gladstone als Modell des durch Geisteskraft gestaltenden Finanzpolitikers verehrt. Ghoshs Revisionen schließen die Reflexion auf die historische Bedingtheit historiographischer Ansichten ein. Er ist einer der ganz wenigen Historiker, die Quentin Skinners Methode der Erschließung von Texten aus dem Kontext auf die an Quellen überfließende spätere Neuzeit anwenden.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit der ihm eigenen Gründlichkeit, die immer aufs Grundsätzliche geht, hat Ghosh sich auch Max Weber zugewandt. Er bereitet für Oxford University Press eine kommentierte Übersetzung von Webers Abhandlung „Die protestantische Ethik und der ,Geist' des Kapitalismus“ vor. In einem deutschen Verlag ist nun eine Sammlung flankierender Detailstudien zu diesem meistgelesenen Werk Webers erschienen. Es handelt sich um das erste Buch von Peter Ghosh - er hat seine Stelle in Oxford noch in der glücklichen Zeit bekommen, als man dort nicht Personal rekrutierte, sondern Personen.

          Ghosh versteht die Übersetzung als Werkzeug des Kommentators. Es geht ihm darum, Gedankengänge, die vielleicht nur wegen der Routinen des Unterrichts und der Klassikeranwendung verständlich scheinen, dem Fragen neu zu erschließen. Der Einfluss der Übersetzung der „Protestantischen Ethik“ von Talcott Parsons ist das Thema einer Unterabteilung der Weberrezeptionsgeschichte. Das „stahlharte Gehäuse“, zu dem, so Weber am Schluss seiner Schrift, die Sorge um die äußeren Güter geworden ist, hat Parsons mit dem konkreteren, dramatisierenden Bild des „iron cage“ übersetzt. Ghosh verwirft den Ersatzvorschlag „shell“: Die organische Metaphorik sei Weber fremd, er hätte sonst „Schale“ oder „Hülse“ geschrieben. Ob die von Ghosh präsentierte Alternative „housing“ idiomatisch genug ist, werden muttersprachliche Rezensenten nach Erscheinen seiner Edition debattieren.

          Die erhellende Kraft der Methode

          Mit dieser Ausgabe wird der von Weber zunächst 1904 und 1905 in zwei Teilen im „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ veröffentlichte, 1920 für die „Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie“ überarbeitete Text also noch einmal in die geistige Welt eintreten, in der er seinen Gegenstand gefunden hatte: den am besten in England und Amerika zu studierenden „Kapitalismus“, erklärt aus einem „asketischen Protestantismus“, den das Geschichtsbewusstsein unter dem Namen des Puritanismus zu kennen meint.

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