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Eine neue Geschichte der Welt : Fasziniert von Macht und Opulenz

  • -Aktualisiert am

Ein Machtpolitiker reinsten Wassers: Mehmet II. auf einer Miniatur von Nakka Sinan Bey (fünfzehntes Jahrhundert) Bild: COLL ES/KEYSTONE-FRANCE/laif

Hoch waren die Erwartungen, die Peter Frankopans neuer Weltgeschichte entgegengebracht wurden. Doch erfüllen kann sie der viel beachtete Oxforder Historiker mit seinem Buch „Licht aus dem Osten“ nicht.

          Manchmal halten Bücher mehr, als sie versprechen. Oft ist es umgekehrt. Bei Peter Frankopans „Licht aus dem Osten“, im vorigen Jahr als „The Silk Roads“ erschienen, könnten Anspruch und Erwartung nicht höher sein. Historiker, an ihre Quellen gekettet und deshalb in den Höhenflügen der Spekulation gebremst, haben Mühe genug, auf kleinen Gebieten mit wirklich Neuem aufzuwarten. Und nun eine neue Geschichte der ganzen Welt! Die erste Reaktion auf ein solches Unternehmen changiert zwischen Sympathie für das Wagnis und Verdacht auf Großmäuligkeit. Leider bestätigen sich rasch die Zweifel.

          Zunächst eine Lanze für dieses Buch von mehr als siebenhundert Seiten Nettotext, dazu reichlichen Anmerkungen, die eine außerordentliche Belesenheit des Autors in vielen Sprachen unter Beweis stellen. Peter Frankopan ist Gräzist und Historiker des langen Übergangs von der Antike zum Mittelalter, besonders im östlichen Mittelmeerraum. Er hat ein Buch über den Ersten Kreuzzug veröffentlicht und leitet in Oxford das Zentrum für Byzantinische Studien. Mit der älteren Geschichte jener namenlosen Region, die westlich an der marokkanischen Atlantikküste beginnt und östlich an der heutigen Grenze Chinas endet, ist er tief vertraut.

          Das mittelalterliche Jahrtausend

          Das „lange“, etwa um das Jahr 600 beginnende Mittelalter zu entprovinzialisieren, verdient jede Unterstützung. Zum Mittelalter gehört mehr als Klöster, Kathedralen und Kaiser. Die Länder nördlich der Alpen waren kein Zentrum, das alles beherrschte und an dem sich die Welt orientierte. Ein volleres Bild des mittelalterlichen Jahrtausends muss viel mehr umfassen: die Entstehung des Islam und die arabische Expansion nach Nordafrika, Spanien und Sizilien, in den Iran und nach Zentralasien, die Metamorphosen des byzantinischen Reiches, die Aktivitäten der norditalienischen Seerepubliken im östlichen Mittelmeerraum, die Kreuzzüge, den Aufstieg von Seldschuken und Osmanen, das mongolische Weltreich.

          Dazu gehören auch die arabische und jüdische Gelehrsamkeit, die Überlieferung und teilweise Weiterführung griechischen Wissens durch arabische Autoren, die islamische Architektur von Samarkand bis Córdoba oder die einflussreichen Berichte von Fernreisenden wie Marco Polo und Ibn Battuta.

          Peter Frankopan ist nicht der erste, der ein solch „globales“ Bild des Mittelalters entwirft. Geographisch noch weiter ausholend, systematischer und auf mindestens demselben wissenschaftlichen Niveau hat dies bereits 2010 eine Gruppe von Autoren unter der Herausgeberschaft von Johannes Fried und Ernst-Dieter Hehl im dritten Band der „Weltgeschichte“ der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft getan. Frankopan nutzt die größere Dispositionsfreiheit des Einzelautors, um in den ersten zehn seiner fünfundzwanzig Kapitel detail- und anekdotenreich eine Geschichte jenes Raumes zu erzählen, dessen Kohärenz zunehmend durch den Islam gestiftet wurde.

          Wo sitzt die „Weltmacht“?

          Das gelingt dort besonders gut, wo die kleinschrittige Ereignisgeschichte verlassen wird und es um Handelsbeziehungen oder die strukturellen Grundlagen von Reichen geht. Besonders fasziniert ist der Autor von Macht und Opulenz. Er zeigt immer wieder, dass die Sphäre der lateinischen Christenheit bis ins „hohe“ Mittelalter hinein eher Peripherie als Mittelpunkt war; sogar die den Europäern noch immer angekreideten Kreuzzüge endeten in Rückzug und Blamage. Kultur interessiert ihn erstaunlich wenig, und der Titel der Übersetzung ist ein täuschender Missgriff. Zum alten geschichtsphilosophischen Topos „Ex oriente lux“ hat das Buch nichts zu sagen.

          Anders als sein umsichtigerer Vorgänger Edward Gibbon, dessen „Decline and Fall of the Roman Empire“ (1776-89) ebenfalls eine Art von mediterran zentrierter Gesamtgeschichte Eurasiens bis zum Ende Ostroms 1453 ist, beschränkt sich Frankopan nicht darauf, Wirkungszusammenhänge innerhalb eines umgrenzbaren historischen Kraftfeldes zu untersuchen. Er ist – wie heute viele amerikanische und britische Globalhistoriker – obsessiv auf die Frage nach dem Sitz von „Weltmacht“ fixiert.

          Es siegt die Konvention

          Deshalb treibt es ihn über die Region, um die es ihm eigentlich geht und gehen sollte, hinaus und in eine vollkommen konventionelle und intellektuell reizlose allgemeine Weltgeschichte hinein. Sie füllt die letzten zwei Drittel des Bandes. Nichts daran ist der Sache nach neu, und ein geschichtstheoretisches Konzept ist nicht zu erkennen. Statt konzentriert der sich immerfort ändernden Rolle der Region „Mittlerer Osten und Innerasien“ innerhalb neuzeitlicher Globalzusammenhänge nachzuspüren, eilt Frankopan als allwissender Erzähler durch die Standardthemen der Weltgeschichte von Kolumbus bis George W. Bush.

          All dies lässt sich anderswo besser nachlesen. Die Proportionen stimmen nicht mehr. Sieben Seiten über den Hitler-Stalin-Pakt, fast nichts über Roosevelts New Deal, nur eine beiläufige Erwähnung Mao Zedongs und kein Wort über Australien: als „neue Geschichte der Welt“ kann das nicht überzeugen. Auch verengt sich der Blickwinkel völlig auf Politik- und Militärgeschichte. Von Wirtschaft, Kultur und gesellschaftlichen Veränderungen ist in den Neuzeitkapiteln so gut wie keine Rede mehr.

          Wiederbelebte Klischees

          Kaum glaublich, wie naiv ein Historiker, der so überzeugend ein „abendländisch“ verengtes Mittelalterverständnis korrigiert, für die Neuzeit verblichene „Rise of Europe“-Klischees wiederbelebt. Schon als es um die Entdeckung der Seewege nach Amerika und Indien geht, zieht Frankopan alle Register des Historienkitschs: „Die Morgendämmerung rückte Europa in den Mittelpunkt, hüllte es in goldenes Licht und bescherte ihm gleich mehrere Goldene Zeitalter hintereinander.“

          Die chronologische Erzählung endet mit der US-amerikanischen Invasion Afghanistans und des Irak nach dem 11. September 2001. Ganz unvermittelt folgt dann eine Schlussbetrachtung, in der dem postsowjetischen Zentralasien (von dem bis dahin kaum etwas zu lesen war) ebenso wie den Golf-Emiraten ein glanzvoller Wiederaufstieg prophezeit wird. Die Belege dafür bleiben buchstäblich an der Oberfläche: amerikanische Campus-Gründungen am Persischen Golf, ein Norman-Foster-Bauwerk in Kasachstan, ein Güterzug vom chinesischen Chongqing nach Duisburg, chinesische Konfuzius-Institute überall.

          Bis zu diesem Punkt kam China wenig vor. Nun gipfelt die Neue Weltgeschichte plötzlich in Begeisterung für Xi Jinpings asiatische Hegemonialpolitik im propagandistischen Zeichen einer erneuerten „Seidenstraße“. Was die semi-kolonisierten Zentralasiaten davon halten, erfahren wir nicht. Man fragt sich, wie ein solch langer historischer Anlauf eine derart dürftige Gegenwartsanalyse zeitigen kann.

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