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Peter Byrne: Viele Welten : Die klassische Welt gibt es nur noch im Plural

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Bild: Verlag

Eine postume Karriere: Peter Byrne hat eine lesenswerte Biographie des Erfinders der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik Hugh Everett III geschrieben.

          3 Min.

          Die Quantenwelt bietet manche Überraschungen. Das Elektron im Atom etwa umkreist den Atomkern auf keiner wohldefinierten Bahn. Es scheint, als könne das Teilchen wie in einer Art Wolke an allen Orten gleichzeitig sein - allerdings mit verschiedenen Wahrscheinlichkeiten. Erst die Messung lokalisiert es an einem bestimmten Ort. Für den dänischen Mitbegründer der Quantenmechanik Niels Bohr waren die Konsequenzen klar. In der Kopenhagener Deutung werden sie ausdrücklich genannt: Der Akt der Beobachtung verändert das beobachtete Objekt. Dessen Wellenfunktion - so der technische Terminus - bricht zusammen, die Wolke der Möglichkeiten kollabiert auf das Tröpfchen eines tatsächlichen Messergebnisses.

          Die Kopenhagener Deutung wurde lange Zeit als allein seligmachende Interpretation der Quantenmechanik gehandelt. Aber durchaus nicht alle Wissenschaftler fanden sich mit ihr ab. Der amerikanische Physiker David Bohm setzte ihr in den fünfziger Jahren eine eigene Erweiterung entgegen, welche die Grundsätze der klassischen Physik retten sollte. Und im selben Jahrzehnt legte ein anderer amerikanischer Physiker, Hugh Everett III, in seiner Doktorarbeit eine weitere Interpretation vor. Er war damit, wie sich zeigen sollte, seiner Zeit weit voraus. Erst nach seinem Tod 1982 breitete sich die von ihm entwickelte „Viele Welten“-Theorie zügig aus.

          Sein strahlendes Licht verblasste

          Hugh Everett ist, wie Peter Byrne in seiner überzeugenden Biographie dieses Physikers schreibt, gleichermaßen ein genialer Forscher und eine tragische Gestalt gewesen. Mit seiner eigenwilligen Interpretation der Quantenmechanik, die bei seinem Doktorvater John Archibald Wheeler an der Princeton University zunächst auf großes Wohlwollen stieß und dann trotzdem als Dissertation fast bis zur Unkenntlichkeit gekürzt wurde, bewegte sich Everett eigentlich an der vordersten Forschungsfront. Gleichwohl gab er die Beschäftigung mit der Quantenmechanik rasch wieder auf und wurde Militärberater. Er entwickelte Verfahren zur Optimierung von Atomkriegen - soll heißen, er berechnete mit raffinierten Programmen, wie man mit möglichst geringem Aufwand zu möglichst vielen Toten kommt.

          Als sich Everett später als Managementberater selbständig machte - wobei er seine Programme weiterverwerten konnte -, begann sein anfangs strahlendes Licht zu verblassen. Kaufmännische Fähigkeiten waren dem Physiker offenbar fremd, und so führten ihn seine Geschäfte schließlich ins Aus. Zudem hatte er sein Leben nach und nach durch exzessives Rauchen und Trinken ruiniert, Depressionen stellten sich ein. Seine Tochter nahm sich später das Leben und schrieb in ihrem Abschiedsbrief: „Bitte verstreut mich über ein schönes Fleckchen Wasser ... oder in den Müll, vielleicht ende ich dann in der richtigen parallelen Welt und begegne dort Daddy.“

          Druckfehler, Wortlücken und verstümmelte Sätze

          Parallele Welten außerhalb unseres beobachtbaren Universums - Everett hatte Derartiges überhaupt nicht im Sinn, als er seine Interpretation ausarbeitete. Es wollte ihm einfach nicht einleuchten, dass ein Beobachter durch seine Messung auf das beobachtete Objekt Einfluss nehmen sollte. Es musste in seinen Augen eine Möglichkeit geben, die Wellenfunktion vor dem Kollaps zu bewahren. Everetts Lösung leuchtete ein: Der Beobachter muss in der Wellenfunktion selbst enthalten sein, das heißt, er betrachtet das System von innen. Das Universum insgesamt ist also quantenmechanisch zu beschreiben; und alle möglichen Messergebnisse, die in der Wellenfunktion stecken, sind tatsächlich verwirklicht. Wenn das aber gelten soll, das Elektron also wirklich an jedem Ort der Elektronenwolke - wenngleich mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten - existiert, dann geht das nur, wenn jede der Lösungen in einem eigenen Universum verwirklicht wird.

          Der Autor schildert, in welche Nöte Wheeler als Doktorvater von Everett geriet. Einerseits leuchteten ihm die Herleitungen ein, und außerdem zeichnete sich damals schon ab, dass die Quantenphysik immer wichtiger für das Verständnis des frühen Universums würde. Everetts Interpretation schien auf diesem Weg zu liegen. Doch wollte sich Wheeler nicht gegen den von ihm abgöttisch verehrten Bohr stellen. Deshalb zwang er Everett zu einer Kurzversion, die nun allerdings keine Überzeugungskraft mehr hatte. Als sie 1957 erschien, wurde sie nur von wenigen Physikern ernst genommen. Weshalb sich Everett dann - mit klinischer Kälte, wie Byrne zu Recht festhält -, den Simulationen von Atomkriegen zuwandte. Es war die Zeit des Kalten Krieges, als in den Vereinigten Staaten schon für verdächtig gehalten wurde, wer sich nur mit einem Kommunisten unterhielt. Der Biograph versteht es, diesen Hintergrund präsent zu halten.

          Auch auf die spätere Entwicklung der „Viele Welten“-Theorie geht er ausführlich ein. 1967 stieß Bryce DeWitt auf Everetts Arbeit, 1973 fädelt er den Druck ihrer ursprünglichen Langfassung ein. Und nun wurde das Multiversum doch noch salonfähig. Everett selbst hat nur noch die ersten Debatten über seine Interpretation der Quantenmechanik mitbekommen. Die vorliegende Biographie könnte man als verspäteten pietätvollen Nachruf bezeichnen - wenn sie nicht leider von Druckfehlern, Wortlücken und verstümmelten Sätzen wimmelte, die dem Verlag anzulasten sind.

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