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Peter Bieri: Eine Art zu leben : Wenn Geworfenwerden zum Entwurf gehört

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser Verlag

Eigentlich unantastbar, aber sehr oft in Anspruch genommen: Peter Bieris Buch über die Vielfalt der menschlichen Würde geht den Erfahrungen nach, die diesem großen Begriff zugrunde liegen.

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          Die Menschenwürde erfreut sich in Deutschland höchsten Ansehens. Das prominente Bekenntnis in Artikel 1 des Grundgesetzes - „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ - ist Identitätsmerkmal der Republik. Seit das Bundesverfassungsgericht die „nicht interpretierte These“ (Heuss) gar in ein subsumtionsfähiges Grundrecht transformiert hat, prägt es den rechtspolitischen Diskurs. Alle Diskussionen zu den Grenzen von medizinischen und biotechnologischen Möglichkeiten bis hin zum Datenschutz und Sicherheitsrecht werden zu einem juristischen und politischen „Kampf um die Menschenwürde“: Ist sie tangiert, ist eine Maßnahme wegen der Unantastbarkeitsgarantie verboten, Relativierungen nicht zugänglich, gegen Abwägungen jeglicher Art immun.

          Begriffliche Erfolgskarrieren pflegen regelmäßig inhaltliche Vagheit nach sich zu ziehen. So korrespondiert dem überwältigenden Erfolg dieses Höchstwertes eine frappante Ungewissheit darüber, was Menschenwürde eigentlich ist: was sie bedeutet, woher sie kommt, was sie verlangt. Verfassungsrechtlich begnügt man sich pragmatisch mit einem Negativkatalog darüber, was denn auf jeden Fall gegen die Menschenwürde verstößt und damit „unantastbar“ ist. Da wird dann mutig bekannt und kräftig dekontextualisiert, um nur ja nicht in Abwägungskalamitäten mit Relativierungsoptionen zu gelangen. Selbst demokratisch beschlossene Konfliktlösungen in ebenso komplexen wie tragischen Konfliktlagen werden derart in eine Entweder-oder-Alternative überführt und nicht selten als Verstoß gegen die Menschenwürde aufgehoben.

          Derart befriedigt die Idee der Menschenwürde ein latentes, aber verbreitetes Bedürfnis nach absoluter Orientierungssicherheit in orientierungsloser Zeit. Mit durchaus fragwürdigen Folgen: Das Bekenntnis ersetzt die Urteilskraft und gibt einem Tribunal über Gut und Böse seine unübersteigbare Letztbegründung. Tatsächlich aber entwertet die ubiquitäre Instrumentalisierung der Menschenwürde diese mehr und mehr zur kleinen Münze und gibt moralischer Gesinnungsphrasendrescherei ohne Substanz das Stichwort.

          Praxisformen eines Begriffs

          Vor diesem Hintergrund zunehmender Überforderung und Engführung eines großen Rechtsprinzips wirkt das Buch von Peter Bieri über die „Vielfalt menschlicher Würde“ geradezu befreiend. Es hält sich erst gar nicht auf mit philosophischen Grundfragen der Menschenwürde, deren Tiefendimensionen dem gelernten Philosophen natürlich präsent sind, deren Gebrauchswert er allerdings zu Recht eher skeptisch sieht. Er sucht stattdessen Dimensionen und Realität der Menschenwürde im praktischen Lebensvollzug auszuloten.

          Nicht, was Menschenwürde auf jeden Fall verbietet, ist sein Thema, sondern „die vielfältigen Erfahrungen zu erkunden, die wir mit dem Begriff der Würde einzufangen suchen“. Um den „intuitiven Gehalt der Erfahrungen von Würde auszuschöpfen“, unterscheidet Bieri drei Dimensionen der Würde: Wie behandeln mich die anderen? Wie stehe ich zu den anderen? Wie stehe ich zu mir selbst? Das ausgebreitete Panorama der Vielfalt konkreter Realisierungen von Würde zeigt, dass die Würde des Menschen keine Anleitung ist für „die“ Art, sondern für „eine“ Art zu leben. Eine Pluralität menschenwürdiger Lebensvollzüge wird sichtbar, deren Kern eine Würde ist, die der Mensch sich schuldet, der er ist, die ihm niemand und unter keinen Umständen nehmen kann - und die deswegen im Letzten immer schon „unantastbar“ ist. Die Idee der menschlichen Würde versteht Bieri dabei als den Versuch, die Gefährdungen des Lebens auszuhalten und auch unter widrigsten Bedingungen dessen Herausforderung anzunehmen.

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