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Peter Bieri: Eine Art zu leben : Wenn Geworfenwerden zum Entwurf gehört

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Mit dieser Zielsetzung einer „Vergewisserung über das menschliche Leben insgesamt“ zeigt Bieri anschaulich und einfühlsam, dass der Mensch aus seiner Würde heraus zwar sehr unterschiedlich leben und zu durchaus gegensätzlichen Haltungen und Entscheidungen gelangen, aber in jedem Fall seiner „Würde“ als Mensch gerecht werden kann.

Die Würde einer freien Entscheidung

Dieses überzeugende Konzept hält Bieri allerdings nicht ganz konsequent durch. Wenn etwa Zwerge auf Jahrmärkten zum Gaudi des Publikums dem soganannten Zwergenwurf unterzogen werden, so verstoße das gegen die Menschenwürde. Im Ergebnis befindet sich der Philosoph damit auf der sicheren Seite, nämlich auf einer Linie mit der Rechtsprechung. Menschenwürde - so die Begründung - sei „auch etwas Größeres, etwas Objektives“, das „als Charakteristikum einer ganzen Lebensform“ über den Einzelnen hinausreicht.

Das kann man so sehen, wäre aber doch einer objektiven Begründung bedürftig, der Bieri aber eigentlich aus dem Weg gehen wollte und die er auch hier nicht bietet. Weil er den „zwischenmenschlichen Erfahrungen von Würde nachgehen“ will, lässt er in einem seiner wunderschönen Dialoge den Zwerg fairerweise auch zu Wort kommen: „Was ist mit der Würde, die in der Freiheit der Entscheidung liegt, sich für die Show freiwillig zur Verfügung zu stellen?“

In der Tat: Will man dem Zwerg wirklich seinen von ihm selbst für sich reklamierten Würdeanspruch nicht zubilligen, weil er der objektiven Menschenwürde widerspricht? Erringt die objektive Menschenwürde, wie immer sie auch definiert wird, ihre Siege um den Preis individuellen Würdebewusstseins? Kann es also ein menschenwürdiges Leben in menschenunwürdiger Umwelt nicht geben? Victor E. Frankl votiert gegen Bieri: Bewusstsein und Anspruch eigener Würde lassen den Einzelnen auch in unmenschlichen Lagen „trotzdem ja zum Leben“ sagen.

Fahrplan zur Lebensweisheit

Die häufig fesselnd zu lesenden Streifzüge durch Grenz- und Alltagssituationen des Lebens mit all ihren Implikationen für den Würdeanspruch des Menschen bieten nicht weniger als einen anspruchsvollen Fahrplan zur Lebensweisheit. Die Überlegungen zur Würde des Menschen in seinen letzten Lebensstadien, einschließlich der Fragen nach Freitod und Sterbehilfe, sind geradezu hinreißend: von tiefer Einfühlsamkeit in die existentielle Entscheidungssituation mit ihren ambivalenten Sichtweisen, dialogisch glänzend in allen Einzelaspekten entfaltet. Bieri lässt alle Erwägungen mit ihrer ambivalenten Überzeugungskraft zu Wort kommen.

Seine Ausführungen bieten natürlich keine allgemeingültige Lösung, sie wollen und müssen den Leser allein zurücklassen. Entscheiden kann nur der Einzelne im Bewusstsein und in Achtung der Würde, die er sich schuldet. Aber nach der Lektüre wird wohl niemand mehr die überlegt getroffenen Entscheidungen anderer einfach als gegen die Menschenwürde verstoßend abqualifizieren können, sondern sie respektieren, auch wenn er sie nicht teilt: Menschenwürde beinhaltet eben nicht nur einen verpflichtenden Anspruch gegen sich selbst, sondern gebietet Toleranz denen gegenüber, die ihren Würdeanspruch anders realisieren.

Bieris „in der Tonlage gedanklichen Ausprobierens“ geschriebenes Buch verfehlt seine Wirkung nicht. „Den Leser in seine Gedankengänge zu verwickeln und ihn zum Komplizen zu machen im leidenschaftlichen Versuch, Klarheit zu gewinnen“, das gelingt ihm meisterlich. Er erinnert an die Würde der Menschenwürde: Sie ist kein Besitzstand, erst recht kein Wohlfühlgarant, sondern verpflichtet, sich ihrem Anspruch zu stellen. Nur als „die rettende Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst“ (Thomas Mann) lässt die Würde den Menschen allfällige Gefährdungen des Lebens aushalten und bestehen. Ein wichtiges, ein schönes, ein lesenswertes Buch.

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