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Per Reinholdt Nielsen: Björk Musik : Das kunstmusikalische Mädchen

Bild: Verlag

Die Sängerin Björk hat den Pop von seinen Rändern her revolutioniert. Wie das zuging, kann man in der Biographie von Per Reinholdt Nielsen zwar nachlesen, aber dem Zauber dieser Künstlerin wird sie nicht gerecht.

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          In der Film-Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art befindet sich auch Chris Cunninghams zartes und futuristisches Video zu Björk zartem und futuristischen Lied „All Is Full Of Love“. Es ist schwer zu beschreiben, was man auf Cunninghams preisgekrönten Bildern sieht, weil es sprachlos macht: einen Roboter mit den Kirgisenaugen von Björk, der, unter Funkenflug und Injektionen eben erst zum Leben erwacht, von einem anderen Roboter geliebt wird, mit den intimsten Gesten.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Lied ist reines Porzellan. Und das Video, mehr als zehn Jahre alt, erinnert noch einmal daran, was verlorengeht, wenn das Musikfernsehen keine Musikfilme mehr zeigt. Für Björk, die erste isländische Künstlerin von Weltruhm, ist „All Is Full Of Love“ nichts weniger als die Erkennungsmelodie. Ihre ätherische Stimme weht über den elektronischen Puls der Musik hinweg, die Elemente lösen sich ineinander auf, wie Björk sich das immer gewünscht hat: nicht mehr zu unterscheiden zwischen Körper und Technik. Das Lied, schreibt der dänische Musikjournalist Per Reinholdt Nielsen in seinem Buch über die Sängerin, ist „die weichste Landung, die man sich nur vorstellen kann, in einer Welt, in der Liebe den Weg weist“.

          Viele Schlagworte

          Leider bleibt das auf den zweihundertsechzig Seiten von „Björk Musik“ eine der wenigen weichen Landungen: Nielsen lässt seine Hauptfigur nämlich viel zu oft hart aufsetzen in einer Welt aus Hauptwörtern und Schlagworten, um aus dieser Biographie ein Vergnügen zu machen. Schreibt Nielsen über Björks bislang letzte Platte, klingt das beispielsweise so: „Volta kann daher durchaus als Überblick über Björks Karriere verstanden werden, aber eben auch als Neubeginn, der mit einem Feuerwerk globaler Rhythmen und Klänge eine heftige Reaktion auf die beiden vorausgegangenen, wesentlich reflektierteren Studioalben war.“ Wahllos schlägt man „Björk Musik“ auf und stößt auf diesen Buchhalterton. Björk zieht 1993 nach England: „Was sie irritierte, war der konservative britische Lebensstil und der Londoner Schmutz. Die für sie so wichtige Natur war weit entfernt.“ Zwei Jahre später singt sie ein Lied mit dem Titel „Isobel“: „An der Oberfläche scheint der Song banal, in Wirklichkeit aber ist er tiefgründig.“

          Nielsen rafft, presst zusammen, verlässt sich auf Klischees, will vollständig sein, geht kein erzählerisches Risiko ein. Und das macht einen mit jeder Seite müder und trauriger, weil sich die vielen Rätsel um Björk so sicher nicht lösen lassen. Der „Widerspruch“ gehört zu Nielsens Lieblingsbegriffen, genau wie der „Gegensatz“ – der Widerspruch und der Gegensatz zwischen der isländischen Feenwelt, in die Björk Gudmundsdóttir 1965 hineingeboren wurde, und der Hochtechnologie, die sie sich später für ihre Kunstmusik einverleibte. Die Eltern ließen sich früh scheiden, Björk wuchs dennoch zugleich in der Wohngemeinschaft ihrer Mutter und beim Vater auf, einem Elektriker. Eine glückliche Kindheit. Doch aufgepasst, wo andere Kinder nur spielen, ist das bei Björk „ein probates Mittel, um Traditionen zu hinterfragen und auf dem Hintergrund der Konventionen und Gewohnheiten des Vaters und der Großeltern ihre eigene Welt zu erschaffen. Offensichtlich konnte Björk ohne größere Probleme diese Gegensätze in sich aufnehmen und positiv umsetzen.“ Es klingt, als antworte jemand auf eine Anzeige: Hiermit bewerbe ich mich um die Stelle einer weltberühmten Popmusik-Esoterikerin.

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