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Erinnerungskultur : Wer leidet denn an der Geschichte?

Nein, Denkmäler stehen nicht für eine abgetragene Schuld: Blick auf Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin Bild: dpa

Mit großen Gesten hinein in den Small Talk: Per Leo stürzt sich in alle Debatten zum Stellenwert des Holocaust und stolpert dabei von einer verwegenen Behauptung zur nächsten.

          6 Min.

          Wir sollten das, was wir als Gemeinwesen und Republik sein wollen, nicht länger von unserem Verhältnis zum Holocaust abhängig machen. Das ist, auf einen Satz gebracht, was uns der Historiker und Schriftsteller Per Leo in seinem Buch sagen will. Damit nimmt er Position gegen den ständigen und fahrlässigen Gebrauch, der von dieser Vergangenheit in öffentlichen Debatten gemacht wird. Ein Beispiel dafür ist Richard von Weizsäckers viel gerühmte Behauptung von 1985, die Deutschen seien vierzig Jahre zuvor nicht nur besiegt, sondern vor allem befreit worden. So als hätten sie bis dahin in nationalsozialistischer Gefangenschaft gelebt. Ein anderes Beispiel sind für Leo die Einlassungen zum Berliner Stelenfeld, die mitunter suggerierten, durch Denkmäler ließe sich Schuld abtragen. Und schließlich beklagt er die Beschwörungsformeln, die zwischen der Existenz der Bundesrepublik und dem Eingeständnis des massenhaften Judenmords einen Bedingungszusammenhang sehen.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          All das sind Redensarten, die Leo nerven. Darum geht er sie in seinem aus dem Rahmen gewachsenen Essay alle durch und wirft sich, jeweils für ein paar Seiten, in alle Debatten. Er möchte das Sprechen über den Holocaust mäßigen. Zugleich möchte er in die Diskussionen der Historiker eingreifen, in denen es um wissenschaftlich begründbare Aussagen gehen sollte. Hier findet er viele Fragen nicht gestellt und vermutet, sie unterbleiben, weil so getan werde, als sei der Holocaust ein Tabu. Er fordert eine „echte Sachdiskussion“ über die Geschichte, die jedoch finde nicht statt, weil beispielsweise postkolonialen Argumenten, die den Holocaust in eine allgemeine Historie völkermordender Gewalt einzuordnen versuchen, entgegengehalten werde, die Unvergleichlichkeit des Judenmords sei längst geklärt.

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