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Paul Verhaeghe: Und ich? : Schon Kleinkinder sollten gut aufgestellt sein

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Antje Kunstmann

Der Psychoanalytiker Paul Verhaeghe prangert in seinem neuen Buch die seelischen Kosten des gesellschaftlichen Erfolgsdrucks an.

          2 Min.

          Dass jeder „es schaffen kann“, gehört zum Kernbestand neoliberaler Maximen. Welche Auswirkungen sie mitunter auf die menschliche Psyche haben, stellt der Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in einer Streitschrift dar, die in den Niederlanden zum Bestseller wurde. Die Kehrseite der vermeintlichen Freiheit, alles tun und lassen zu können, ist demnach ein zunehmender Erfolgsdruck. Eine Gesellschaft, die das Gewinnen zum obersten Ziel erklärt, produziert viele Verlierer - und die sind an ihrem Schicksal selbst schuld. Die Zahl psychischer Erkrankungen nimmt rasant zu, Menschen werden von Depressionen und Versagensängsten geplagt.

          Im niederländischen Original trägt das Buch den Titel „Identität“, und in der gestörten Identitätsbildung sieht sein Autor den Hauptgrund für das Unbehagen an der neoliberalen Kultur. Für Verhaeghe ist die Identität eines Menschen das Ergebnis einer anhaltenden Interaktion mit der Umwelt - einer Interaktion, die sich zwischen den Polen von Nachahmung und Ablehnung bewegt. Die menschliche Natur stellt lediglich eine Art von Unterbau bereit, auf dessen Basis die verschiedensten Entwicklungen denkbar sind. Ob einer zum abgebrühten Egoisten oder zum altruistischen Wohltäter wird, beeinflussen wesentlich äußere Einflüsse, die wie ein Spiegel auf das Selbst wirken. Das Fremdbild wird dabei bis zu einem gewissen Grad internalisiert, soll heißen: Wenn ich in den Augen anderer als ein Versager gelte, der „es nicht schafft“, so besteht die nicht eben geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich mich auch als einer sehe.

          Regiert der Markt unsere Persönlichkeit?

          Aber was heißt das eigentlich, „es schaffen“? Verhaeghe weist zu Recht darauf hin, dass das, was als Erfolg gilt, von kollektiv geteilten Werten und Normen abhängt, und die heißen gegenwärtig: Leistung, Wachstum, Effizienz. In den neoliberalen Gesellschaften des Westens regiert ein Diktat der Ökonomie, und alles, was sich nicht in Zahlen fassen lässt, wird systematisch ausgeblendet. Zudem verkehrt sich der meritokratische Anspruch immer mehr ins Gegenteil, fördert für Verhaeghe Anpassung und installiert eine aufgeblähte Bürokratie. Denn um die vermeintliche oder tatsächliche Leistung überhaupt erst quantifizieren zu können, wird ein aberwitziger Aufwand betrieben, wird evaluiert, werden Rankings erstellt, wird Benchmarking betrieben.

          Wenn aber schon im Kindergarten die „Ausschneidefähigkeiten“ der Kleinsten an einer willkürlichen Norm gemessen werden, erscheint „Freiheit“ kaum als die richtige Vokabel, um eine solche Gesellschaft zu beschreiben. Dass in solchen Verhältnissen nicht nur das gesellschaftliche Gesamtgefüge erodiert, sondern auch die Zurichtung des Einzelnen immer entschiedenere Züge annimmt, ist nun keine neue These. Verhaeghe bezieht sich auf Richard Sennett genauso wie auf Michel Foucault, übersieht aber seltsamerweise Alain Ehrenbergs Arbeiten zum „erschöpften Selbst“, die in eine ähnliche Richtung weisen.

          Möge die Thesen auch nicht originell sein, auf ihrer Aktualität insistiert Verhaeghe auf jeder Seite seines an Polemik keineswegs armen Buches. Wer übertrieben findet, dass er die neoliberale Ideologie eine im Kern sozialdarwinistische nennt, möge nur an die immer wieder gern angebrachte Bemerkung denken, dass, wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll - und die ist selbst einem sozialdemokratischen Minister unterlaufen, als er Hartz IV erläuterte.

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