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„Lyrics“ von Paul McCartney : Manchmal fallen die Songs einfach vom Himmel

Tricks müssen beim Komponieren schon auch sein: Paul McCartney in der Londoner U-Bahn, 1969 Bild: Linda McCartney

Ein ungewöhnlicher Komponist mit einer Liebe zum Gewöhnlichen: Paul McCartney erzählt anhand seiner Lieder selbstbewusst und zugleich bescheiden von seinem Leben.

          3 Min.

          Im Frühjahr 1970 waren nicht nur die lebensfrohen, optimistischen Sechziger Vergangenheit, sondern auch die Band, die deren Geist am nachdrücklichsten verkörpert hatte. Der Unfrieden, in dem sich die Beatles getrennt hatten, gipfelte in einem Wettstreit, bei dem einer der vier gegen sich selbst antrat. Nur drei Wochen bevor am 8. Mai nach elendig langem Vorlauf endlich das Abgesangsalbum „Let It Be“ erschien, brachte Paul McCartney seine erste Soloplatte heraus – und enthüllte der Welt wie nebenbei in einem PR-Textlein das lang gehütete Geheimnis vom Ende der Beatles.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für Ende November 2021 ist nun, nach mehreren Verschiebungen, bei Disney+ die Premiere von Peter Jacksons Dreiteiler „The Beatles: Get Back“ angekündigt, der auf dem bei der Arbeit an „Let It Be“ gedrehten Filmmaterial basiert – und soeben ist, nur drei Wochen früher, Paul McCartneys autobiographischer Bild- und Textband „Lyrics“ erschienen. Sollte sich tatsächlich die Geschichte wiederholen, dann allerdings weder als Tragödie noch als Farce, sondern als Ausdruck eines Hypes, der bei den Beatles nie wirklich endet. Vermutlich werden die beiden Neuerscheinungen sich gegenseitig nützen, auch wenn es mit McCartneys mächtigem „Lyrics“-Ziegel und dem großformatigen Begleitbuch zum Film auf manchem Gabentisch eng werden dürfte.

          Drei Stunden Arbeit für einen Welthit

          Den Titel „Lyrics“ darf man getrost als Understatement des Jahres werten. Der erfolgreichste Popmusiker unserer Zeit druckt hier nicht einfach nur Songtexte ab, sondern erzählt anhand seiner Lieder sein Leben. Über 154 Songs, entstanden zwischen 1956 und 2020, hat McCartney mit dem Dichter Paul Muldoon gesprochen, der mit einigen Helfern auch die Auswahl übernahm und die Gesprächspassagen später in Kurzerzählungen umwandelte. Umrahmt sind die Texte von Fotos aus Familien- und Musiker- leben, von Erinnerungsstücken oder Manuskripten, die McCartney als Schöpfer origineller Kritzeleien zeigen.

          Paul McCartney: „Lyrics“. 1956 bis heute.
          Paul McCartney: „Lyrics“. 1956 bis heute. : Bild: C.H. Beck Verlag

          Über seine Kunst spricht McCartney mit selbstbewusster Bescheidenheit. „Wenn ich Glück habe mit den Songs, dann kommen sie einfach aus heiterem Himmel“, erzählt er. „Es ist weniger, als würde ich sie komponieren; sie treffen einfach ein.“ Und das dann manchmal auch im Traum, wie in der berühmten Entstehungsgeschichte von „Yesterday“. Schickte der Himmel nichts hernieder, musste McCartney selbst ran, in der frühen Beatles-Zeit meist mit John Lennon: Nach rund drei Stunden war ein Welthit fertig.

          Nicht unbedingt der spritzigste Abend

          Das Geheimnis erfolgreichen Songwritings sei es, ein Bild zu malen, so McCartney: „Eigentlich ist die Vignette mein Handwerkszeug.“ In den meisten seiner Kompositionen gebe es „einen simplen Trick, weil ich nicht wahnsinnig bewandert bin“. Und wenn man ihn frage, wie er all das mache, erzählt er anlässlich des Wings-Songs „Hi, Hi, Hi“, dann antworte er: „Sex und Drogen“ – „was streng genommen nicht so ganz der Wahrheit entspricht, aber immerhin ungefähr“.

          Die meisten seiner Sachen findet Paul McCartney schon ganz gut, obschon ihm Stücke wie „Old Siam, Sir“ oder „Venus and Mars/Rock Show“ heute „ein bisschen peinlich“ sind. Apropos: Wer darüber stets gerätselt hat, der erfährt dank des Buches, dass das in „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ mehrfach zu hörende „bra“ keinen BH beschreibt, sondern „die afrikanische Version von ,bro‘“ ist. Von allen seinen Songs der liebste ist McCartney „Here, There and Everywhere“ vom Beatles-Album „Revolver“.

          Von den kleinen Eitelkeiten eines großen Komponisten

          Der Lesefreude unbedingt zugutekommt, dass die meisten Songs lediglich als Ausgangspunkte dienen für Anekdoten aus einem langen und reichen Leben.Da neidet man McCartney nicht die Begegnung mit Andy Warhol, mit dem er dessen Film „Empire“ schaute: „Eine einzige Einstellung vom Empire State Building, acht Stunden lang.“ Es war, erinnert sich McCartney, „nicht unbedingt der spritzigste Abend“.

          Ganz anders die regelmäßigen Zusammentreffen seiner Großfamilie, die zueinander hielt, gemeinsam feierte und laut McCartney nicht nur das Fundament für seine Musikalität, sondern auch für seinen Optimismus bildete; einen Optimismus, den er sich trotz des nie verwundenen Todes seiner Mutter, als er gerade vierzehn war, bewahrt hat. Die eine oder andere Anekdote taucht im Buch doppelt auf, da sie ihm zu gleich zwei Songs einfiel.

          Zu diesen zweimal erzählten, doch immer wieder gern gehörten Geschichten zählt das erste Zusammentreffen mit Lennon. John und Paul, zwei beste Freunde und kongeniale Partner, die sich nach der Beatles-Trennung öffentlich befehdeten und später still und heimlich wieder versöhnten. Ein „sehr zynischer Mensch“ sei Lennon gewesen, jedoch „mit einem Herzen aus Gold“, schreibt McCartney, der gleichwohl deutlich macht, wie sehr ihn die Spitzen des alten Kumpels verletzt haben. Nicht gänzlich überwunden scheint auch, dass die Welt in Lennon lange den intellektuellen und in ihm selbst nur den niedlichen Beatle sah. Dass Lennon „nie so ein großes Interesse an Literatur hatte wie ich“, diese Feststellung kann sich McCartney nicht verkneifen.

          Es finden in „Lyrics“ auch McCartneys so verständliche wie irritierende Bestrebungen ihre Fortsetzung, den eigenen Anteil an den Beatles-Kompositionen stärker herauszustreichen, als die klassische Autorenzeile Lennon/McCartney ihn erscheinen lässt. Nicht nur bei seiner Solonummer „Yesterday“, auch bei den Gemeinschaftswerken „She Loves You“ und „I Want to Hold Your Hand“ hat McCartney seinen Namen nun an die erste Stelle gesetzt – und sogar bei „Ticket to Ride“, das er noch 1994 zu sechzig Prozent John Lennon zuschrieb.

          Es sind dies die kleinen Eitelkeiten eines großen Komponisten, der sich eine Liebe zum „Gewöhnlichen“ attestiert: Am meisten begeistere es ihn, „wenn jemand gleichzeitig großartig und ganz normal sein kann“. Und ein wenig hat Paul McCartney dabei vielleicht auch an sich selbst gedacht..

          Paul McCartney: „Lyrics“. 1956 bis heute. Hrsg. von Paul Muldoon. Aus dem Englischen von Conny Lösch. C.H. Beck Verlag, München 2021. 2 Bände im Schuber, zus. 874 S., Abb., geb., 78,– €.

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