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Paul Levitz: 75 Years of DC Comics : Für diese Helden darf es gerne etwas Größeres sein

Bild: Taschen

Bildzauber und beachtliche Geschichte eines Genres zugleich: Ein Prachtband feiert den fünfundsiebzigsten Geburtstag des großen amerikanischen Comicverlags DC.

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          Als Bill Gaines 1947 nach dem Unfalltod seines Vaters Maxwell den Comicverlag EC erbte, ließ er recht schnell die ursprüngliche Bedeutung dieser Firmenabkürzung von „Educational Comics“, also lehrreiche Comics, in „Entertaining Comics“ ändern. Denn die hehren Pläne des Vaters, der die amerikanischen Kinder mit erzählerisch anspruchsvollen Bildergeschichten versorgen wollte, waren gescheitert, aber verdient wurde bei EC trotzdem prächtig: mit Horror-, Verbrecher- und Satirecomics.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Verlag, bei dem Gaines senior vor der eigenen Unternehmensgründung tätig gewesen war, erwies sich da als ehrlicher: Auf seinen Heften prangt seit eh und je die Abkürzung DC für „Detective Comics“. Nie hat der Verlag daran denken müssen, diese Bezeichnung zu ändern. Im Gegenteil: In den siebziger Jahren wurde sie endlich auch zum wirklichen Firmennamen erhoben (der zuvor ganz sachlich „National Periodicals“ gelautet hatte), weil die ganze Comicwelt ohnehin nur noch von DC sprach.

          Supermans erster Auftritt

          Ursprünglich war „Detective Comics“ der Titel einer einzelnen Heftserie gewesen (was darin passierte, kann man sich leicht vorstellen), die seit 1937 erschien, doch ein Jahr später kam unter dem DC-Label jener Comic heraus, der wie kein anderer die Welt der bunten Bilder umgestürzt hat: Heft 1 von „Action Comics“. Darin hatte Superman seinen ersten Auftritt. Schon ein Jahr später gab es ganze Horden ähnlicher Heroen an den amerikanischen Kiosken, und DC hatte mit Batman auch den zweiten Superheldensuperstar im Programm. Da alle diese übermenschlich befähigten Kämpfer dem Bösen auf der Spur waren, passte „Detective Comics“ als Name weiterhin perfekt.

          Heute ist DC neben der in den frühen sechziger Jahren erstarkten Konkurrenz von Marvel einer der beiden großen amerikanischen Comicverlage, und seit Superheldenfilme im Kino alle Rekorde brechen - zuletzt „The Dark Knight“ mit Batman -, strotzt das Haus wieder vor Selbstbewusstsein. So ist es kein Wunder, dass zu dessen fünfundsiebzigstem Geburtstag nun ein Prachtband genehmigt wurde, der alle Maßstäbe verschiebt, wie man Comicgeschichte präsentiert: kiloschwer und riesenformatig, großartig bebildert, nicht gerade billig, aber jeden Cent wert, denn man kann es kaum abwarten, bis man zur nächsten spektakulären Seite umblättert, wo neue Wunderbilder warten. Jedes von ihnen ist gegenüber den Originalpublikationen um ein Vielfaches vergrößert, und diese Maßlosigkeit passt ja auch zu den generell als überlebensgroße Heroen stilisierten Figuren.

          Beachtliche Textmenge für ein Comic

          Diese Gier auf noch mehr Bilderzauber dürfte aber auch dafür sorgen, dass der Text im Buch ungerechterweise wenig Aufmerksamkeit erfahren wird. Geschrieben hat ihn Paul Levitz, der 1973 als Siebzehnjähriger zum Verlag stieß und sieben Jahre später bereits in dessen Geschäftsleitung saß, die er 2009 wieder verließ, um nur noch als Berater und Autor für DC zu wirken. Der Bildband „DC Comics“ ist das erste Resultat seiner neuen Freiheit.

          Levitz kennt das Haus wie dessen Geschichte natürlich perfekt, und das merkt man. Deutsche Leser haben zudem den Vorteil, dass sie ein eigenes kleines Beiheft mit der (sehr gelungenen) Übersetzung des im Buch auf Englisch abgedruckten Textes bekommen, so dass man sich nach dem Bildexzess gemütlich auf die Couch zurückziehen kann, ohne sich den Brustkorb mit dem schweren Band zu zerdrücken. Und dann merkt man erst, was für eine beachtliche Textmenge Levitz liefert: Fast hundert engbedruckte Seiten sind es im deutschen Beiheft, und auf deren letzten elf finden sich instruktive Kurzbiographien der wichtigsten DC-Mitarbeiter, mehr als hundert Persönlichkeiten der Comicgeschichte.

          Rechenfehler in der Wertschätzung

          Das ist als konzises Nachschlagewerk schon großartig genug, aber zuvor hat Levitz die ganze Geschichte des Verlags erzählt, und auch das ist - bei aller unvermeidlichen Parteilichkeit des ehemaligen Leiters - ein echtes Lesevergnügen. Der einzige offensichtliche Fehler betrifft die Behauptung, dass jemand, der „Action Comics“ 1 im Jahr 1968 für den damaligen Sammlerpreis von hundert Dollar kaufte, nur 0,0001 Prozent des heutigen Werts hätte aufwenden müssen. Da vertut Levitz sich gleich um zwei Zehnerpotenzen, denn das Heft hat kürzlich erst die Millionendollargrenze überschritten. Bis zum Preis von hundert Millionen wird es wohl noch etwas dauern.

          Aber dieser Rechenfehler ist auch nur superheldengemäß - da möchten schließlich alle Beteiligten gerne etwas Größeres sein. Ob man diesen Band noch einmal übertreffen wird? Irgendwie kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass in gleicher Ausstattung bald die Geschichte des Marvel Verlags folgen wird, dessen fünfundsiebzigster Geburtstag nicht allzu fern liegt. Aber der Taschen Verlag wird geschickt genug sein, die beiden ewigen Rivalen gleich zu behandeln. Die Leser sollte es freuen. Das Portemonnaie ein bisschen weniger.

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