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Paul Klee: Leben und Werk : Der Selbstlehrling und die Liebe der Jungfrau

  • -Aktualisiert am

Bild: Hatje Cantz Verlag

So kommt man dem Neutralgeschöpf auf die Schliche: Das Berner Zentrum Paul Klee entsakralisiert mit einer dichten Biographie das Denkmal seines Meisters.

          Bereits die ersten Biographien über Paul Klee - aus der Feder von Leopold Zahn (1920) und Wilhelm Hausenstein (1921) - schufen die Grundlage für ein verklärtes Bild des Malers als weltentrückter Künstler-Poet, der dem Jenseits näher stand als dem Diesseits. In der Nachkriegszeit wurde diese Tradition fortgesetzt und Klee zu einer mythischen Figur überhöht. Offenbar konnte Klee die Wünsche eines Teils der Kunsthistoriker nach Heiligenverehrung bedienen, einen Wunsch, dem er durch seine religiös-metaphysisch inspirierten Tagebucheintragungen und kunsttheoretischen Texte entgegenkam.

          Schaut man sich diese Biographien etwas genauer an, so stellt man fest, dass sie - sieht man von Klees letzten Jahren ab - das Schwierige, ja Leidvolle im Leben Klees weitgehend ausklammern. Man kann geradezu von Empathieverweigerung sprechen. Von derlei biedermeierhafter Kunstgeschichtslyrik hat sich eine neue Generation von Biographen distanziert. Der Ton wird nüchterner und kritischer. Veröffentlicht wurden zumeist kürzere oder spezialisierte Texte. Umso erfreulicher ist, dass jetzt mit dem vom Paul-Klee-Zentrum herausgegebenen und von Christine Hopfengart und Michael Baumgartner unter Mitarbeit weiterer Forscher verfassten Text eine detaillierte Übersicht über das Leben und Werk Paul Klees vorliegt.

          Detailverliebtheit

          Auch hier ist der Ton kritisch, nüchtern, zuweilen fast trocken. Die Fülle und Präzision der Detailrecherchen ist vorbildlich. Die vorgelegte Arbeit ist ein Standardwerk und wird Klee-Forschern und interessierten Laien für lange Zeit als Grundlage dienen. Der stupende Materialreichtum und das Bemühen um kritische Würdigung der Details führen geradezu zwangsläufig zur Frage der Auswahl des Materials. Hier zeigt sich die Schattenseite einer gewissen Detailverliebtheit des Textes. Überall da, wo weiter gehende Recherchen zu Klees Leben angebracht gewesen wären, ebenso zu Klees kunstphilosophischen Überlegungen bleibt der Text relativ kursorisch. Darüber hinaus treffen die Autoren eine Auswahl aus Klees Spätwerk, die in dieser Form nicht begründet ist.

          Viele der eindrucksvollsten Spätwerke - beispielsweise „Beim blauen Busch“, „Hungriges Mädchen“, „Ein Antlitz auch des Leibes“ (alle 1939) oder „Paukenspieler“ (1940) - werden nicht erwähnt. Es handelt sich dabei gerade um diejenigen Bilder, in denen Klee dem Ziel, das er sein Leben lang verfolgte, „Reduction“, am nächsten kam und als Vorläufer der art brut gelten kann. Insofern wird der Blick auf Klee und sein Werk eingeschränkt.

          Die frühen Jahre des Künstlers werden eher harmonisch dargestellt. Zu seiner Mutter soll Klee angeblich eine „offenbar engere innere Beziehung“ gehabt haben als zu seinem Vater. Nimmt man Klees Bemerkungen zu seiner Mutter ernst, die er in seinen Briefen an seine Verlobte darstellt, so hatte er eine außerordentlich distanzierte Beziehung zu ihr. Seine Mutter sei „für die Familie ziemlich das Gegenteil des Vorbildlichen. Sie ist wohl leidend, aber es will mir nicht gefallen, dass sie selbst damit alles entschuldigt.“ Seine Familie und seine Verwandten beschreibt er als Gespenster. Im Gegensatz dazu „gehört (der Vater) obenan, ich habe ihn gern. Von ihm, aber steigt meine Empfindungsskala hinab zum tiefsten Hass.“

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