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Gipfeltreffen der Renaissance : Der Historiker als Phantomjäger

Wogender Kampf: Studie Leonardos für das unvollendete gebliebene und später verlorengegangene Wandgemälde „Die Schlacht von Anghiari“ im Florentiner Palazzo Vecchio, zirka 1503/04. Bild: Picture-Alliance

Verlockungen pflastern seine Wege: Patrick Boucheron spekuliert recht freihändig über die Begegnung zweier Genies der Renaissance - Leonardo und Machiavelli.

          3 Min.

          Seit 2017 ist Patrick Boucheron in Frankreich eine Macht. In diesem Jahr erschien die „Histoire globale de la France“, die Globalgeschichte seines Landes, deren hundertsechsundvierzig knappe, mosaikartig angeordnete Kapitel er herausgegeben und zum Teil auch selbst verfasst hat. Das Buch, das die Erzählung von der Grande Nation geduldig dekonstruiert, war ein Verkaufs- und auch ein Debattenerfolg, es wurde bejubelt und verdammt und sein Autor mal – von Alain Finkielkraut – als „Totengräber“ der französischen Traditionen gebrandmarkt, mal als ihr Hüter gefeiert.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schon im Jahr zuvor hatte sich Boucheron, ausgerechnet mit Verweis auf Nietzsche, in seiner Antrittsrede am Collège de France zu einem offenen, unorthodoxen, „unfertigen“ Denken bekannt. Ihren Praxistest erlebte diese Methode, als Boucheron in einem Fernsehinterview die Bewegung der Gelbwesten kritisierte und sich zur Politik Macrons bekannte. Seither hat der Geschichtsprofessor aus Paris auch die französische Linke gegen sich: Einer ihrer Vertreter bezeichnete ihn als „Hof-Historiker“, ein anderer nannte ihn einen „Wohlfühl-Intellektuellen“.

          In Urbino und Florenz

          Die intellektuelle Offenheit des Nietzscheaners und eine gewisse elegante Unentschiedenheit kennzeichnen auch Boucherons Studie über Leonardo und Machiavelli, ein Buch, das im Original schon vor zwölf Jahren erschien und somit in eine Zeit zurückreicht, als sein Autor noch als Experte für mittelalterliche Stadtgeschichte Italiens an der Sorbonne unterrichtete. Sein Anlass, eine Begegnung des Malers aus Vinci mit dem Diplomaten der Republik Florenz im Juni 1502, wird auf den ersten Seiten knapp umrissen. Der gleichzeitige Aufenthalt Leonardo und Machiavellis in Urbino, wo der Papstsohn Cesare Borgia in jenem Sommer sein Heerlager aufgeschlagen hatte, ist durch Quellen belegt, auch wenn in den Schriften der beiden der Name des jeweils anderen nie auftaucht.

          Patrick Boucheron: „Leonardo und Machiavelli“. Geschichte einer unbekannten Begegnung. Aus dem Französischen von Sarah Heurtier und Sebastian Wilde. Wolff Verlag, Berlin 2019. 200 S., br., 18,90 €.

          Aber es sind nicht die Fakten, die Boucheron interessieren. Ihn reizt die historische Spekulation. Was hätten sie einander zu sagen gehabt, das Universalgenie, das im Auftrag des Borgia die Festungen und Landschaften Oberitaliens kartografierte, und der misstrauische Abgesandte eines von vielen Seiten bedrohten Stadtstaats? Und was hatten sie einander zu sagen, als sie sich ein Jahr später in Florenz wiedersahen, wo Leonardo, jetzt in Diensten der Republik, unter reger Anteilnahme der Öffentlichkeit den Karton für seine Anghiari-Schlacht malte und zugleich ein Geheimprojekt zur Überflutung der von den Florentinern belagerten Stadt Pisa durch Umleitung des Flusses Arno betrieb?

          Viele suggestive Fragen

          Machiavelli hat sich als Amtsträger für das Arno-Projekt eingesetzt und den Kontrakt für das Gemälde abgezeichnet, aber in seinen Schriften wird keins von beiden erwähnt. Leonardo seinerseits kümmerte sich lieber um seinen Großauftrag für den Palazzo Vecchio und das in jener Zeit entstehende Bildnis der Mona Lisa, als sich als Staudammbauer zu verkämpfen.

          All das ist jedoch kein Hindernis für Boucherons Historikerphantasie. Wobei „Phantasie“ zu hoch gegriffen ist, denn weite Teile des Buches behelfen sich mit freihändigen Spekulationen und Suggestivfragen. Hat Leonardo mit seinem Florentiner Landsmann die politischen Verhältnisse Italiens durchgesprochen? War er der „andere Mann“, der „Freund“, den Machiavelli in seinen Briefen an die Signorie erwähnt? Ist es an anderer Stelle nicht „allzu verlockend“, in der David-Statue Andrea del Verrocchios ein Porträt des jugendlichen Malers aus Vinci zu sehen?

          Mager die Bilanz, elegant die Form

          Ja, es ist verlockend, und mit solchen Verlockungen ist der Weg dieser Studie gepflastert. Aber je häufiger Boucheron ihnen nachgibt, desto deutlicher wird auch, dass er letztlich nichts in der Hand hat, was seine These von der gegenseitigen Befruchtung zweier Renaissance-Genies stützt. Leonardo und Machiavelli haben „mit großer Sicherheit häufig miteinander gesprochen“, sie waren „durch die Zeitumstände miteinander verbunden“, und beide besaßen „eine Aufmerksamkeit für den Rhythmus der Welt, die Gewissheit, dass die Welt aus dem Takt geraten und es die Aufgabe des Menschen war, ihren Puls zu spüren“.

          Doch damit hat es sich dann auch. Gerade das Anghiari-Fresko, in dem Leonardo, nach den erhaltenen Zeichnungen und Kopien des Kartons zu schließen, das blutige Chaos des Krieges mit beinahe filmischen Mitteln darstellen wollte, bezeugt den Unterschied zwischen der Weltsicht des Künstlers und der Betrachtungsweise des politischen Schriftstellers, für den der Krieg ein legitimes Mittel zur Durchsetzung von Herrschaftsinteressen war. Die geistige Nähe von Machiavelli und Leonardo ist weniger als ein Konstrukt, sie ist ein Phantom.

          Das bedeutet nicht, dass Boucherons „Geschichte einer unbekannten Begegnung“ langweilig zu lesen wäre. Aber was man hier vorgeführt bekommt, ist nicht der neueste Stand des Wissens über Niccolò Machiavelli und Leonardo da Vinci, sondern die rhetorische Gelenkigkeit eines Denkens, das sich bei Freud und Valéry ebenso bedient wie bei dem russischen Romancier Mereschkowski und dem immer neu zu entdeckenden Ernst Kantorowicz. Die Bilanz dieses Salonvortrags ist mager, doch die Eleganz, mit der er zelebriert wird, lohnt einen Besuch. Vielleicht ist der Ausdruck „Wohlfühl-Intellektueller“ doch nicht ganz falsch.

          Patrick Boucheron: „Leonardo und Machiavelli“. Geschichte einer unbekannten Begegnung. Aus dem Französischen von Sarah Heurtier und Sebastian Wilde. Wolff Verlag, Berlin 2019. 200 S., br., 18,90 €.

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