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: Pardon, sind Sie blutsverwandt?

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"Darf ich mal reinkommen?" fragte die Türkin aus der Wohnung darüber mit munter blinkenden Augen, um dann streng prüfend in alle Ecken zu sehen. "Ja, schön haben Sie es. Bei mir ist eine Arbeitskollegin, die gerne in einer großen Wohnung mit hohen Decken leben würde. Die liest auch Bücher und kocht gerne und so.

          "Darf ich mal reinkommen?" fragte die Türkin aus der Wohnung darüber mit munter blinkenden Augen, um dann streng prüfend in alle Ecken zu sehen. "Ja, schön haben Sie es. Bei mir ist eine Arbeitskollegin, die gerne in einer großen Wohnung mit hohen Decken leben würde. Die liest auch Bücher und kocht gerne und so. Soll ich Sie vielleicht mal zusammen einladen?" Das war natürlich weniger als der Beginn einer arrangierten Ehe, aber mehr doch als bloße Kuppelei. Vielmehr zeigt sich da ein durch Tradition angeleitetes Verantwortungsgefühl für das Wohl des Nächsten, wo dessen für ihn zuständige Familie aus Gründen, über die man nicht richten soll, ihre Aufgabe nicht bewältigt. Genau wie zum Opferfest eine Bohnensuppe und ein Pilaw vom eigens geschlachteten Hammel vorbeigebracht werden.

          Im übrigen muß man nur zwei Schritte vom Gewohnten wegdenken, um zu sehen, daß die Idee einer solchen Vermittlung gar nicht so dumm ist, kennt die Mittlerin doch beide Parteien lange genug, um zuverlässige Aussagen über deren Charakter und das heißt über deren zukünftiges Verhalten machen zu können. Jedenfalls gilt das, solange der gemeinsame Alltag aus einem allgemein bekannten Bündel zu bewältigender Aufgaben besteht, die Partnerwahl also nicht unterschiedliche Lebensgeschichten und Interessen miteinander abzugleichen hat. Außerdem muß es die Möglichkeit geben, nein zu sagen.

          Atatürk läßt grüßen

          "Arrangierte Ehen sind Zwangsheiraten und gehören verboten." Von der eigenen tscherkessisch-türkischen Familiengeschichte, von der Rolle der Frau im Islam, von Hochzeitsbräuchen und von Gesprächen mit deutschen Türkinnen erzählt Necla Kelek, damit endlich etwas geschieht gegen die Brautimporte aus der Türkei. Sie plädiert für Gesetze, die Familienzusammenführungen aufgrund von Eheschließungen erst ab dem 21. oder besser 24. Lebensjahr der Beteiligten genehmigen. Für den einreisenden Ehepartner müsse "schon bei der Einreise das Verständnis der deutschen Sprache und Kultur" geprüft und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung vom erfolgreichen Abschluß von Integrationskursen abhängig gemacht werden. Der bereits in Deutschland lebende Partner solle "über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr nachweisen, daß er ein für den Familienaufenthalt ausreichendes Einkommen durch Arbeit bezieht und einen eigenen Haushalt führt". Von der Ersparnis bei der Sozialhilfe ganz abgesehen, würde damit verhindert, daß die Importbraut im Haushalt ihrer Schwiegereltern als kostenlose Haushaltshilfe eingesetzt wird.

          Schon um den Gefahren genetisch bedingter Erkrankungen von Kindern aus den - im ganzen Orient typischen - Cousin-Cousinen-Heiraten vorzubeugen, dürfe "die Einreise blutsverwandter Ehepartner nicht erlaubt werden". Selbstverständlich müsse außerdem Zwangsheirat ein Straftatbestand sein (was sie als Nötigung immer schon war). Es gehe indes nicht nur um die Verfolgung allemal schwer nachzuweisender Straftaten, sondern um "Vorbeugung und Verhinderung von Entmündigung". "Die jungen Menschen müssen vor der Bevormundung durch ihre Familie geschützt werden."

          Geschützt werden müsse auch die deutsche Gesellschaft vor sich selber. Obwohl die Türken sich "massenhaft in ihre Moscheen zurückgezogen" haben und "ihre islamische Welt verteidigen", obwohl die Türken sich "mit Hilfe der deutschen Errungenschaften von Sozialversicherung und Arbeitslosenunterstützung" längst in einer Parallelgesellschaft eingerichtet haben, "meint die deutsche Gesellschaft, bei den Ausländern in der Schuld zu stehen". "Gerade die gutmeinenden Deutschen neigen dazu, in jedem hier Asyl suchenden Ausländer den Wiedergänger eines vor dem Holocaust zu rettenden Juden zu sehen" und darüber "muslimischer als die Muslime" zu werden. So tragen diejenigen, die es "geschafft haben, in diesem Land anzukommen, die doppelte Verantwortung".

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