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Paolo Grossi: Das Recht in der europäischen Geschichte : Gegen die Verrücktheiten der Mächtigen

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H.Beck Verlag

Es gibt eine europäische Leitkultur, und das Recht ist nicht die schwächste Kraft, die diese Annahme mit Leben füllt: Das neue Buch des renommierten Rechtshistorikers Paolo Grossi beschreibt die Jahrhunderte währende Ausbildung eines juristischen Humanismus.

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          Das ist keine "Europäische Rechtsgeschichte", wie sie sich zu Zeiten, als die juristischen Grundlagenfächer noch geblüht haben und der Rechtsstoff noch nicht durch "Bologna-Reformen" zerschnipselt war, passabel verkauft und in eine moderne Juristenausbildung fugenlos eingepasst hätte - neben der "Römischen" oder der "Deutschen Rechtsgeschichte". Es ist auch kein Lehrbuch, schon gar keines für den Rechtsunterricht. Nein, es ist etwas ganz Anderes und viel Komplizierteres. Es will die Existenz Europas belegen und seine Gestalt beschreiben und erarbeitet beides an den Erscheinungsformen des europäischen Rechts; es ist "L'Europa del diritto" nach dem sinnfälligen italienischen Buchtitel oder, freier und näher an der Sache: Es ist "die europäische Rechtserfahrung". Europa ist der Gegenstand, das Recht ist die Brille, durch die man schaut.

          Das Buch ist erschienen in der von Jacques Le Goff herausgegebenen und von fünf europäischen Verlagen beschickten Reihe "Europa bauen" und passt sich in deren Ziele ein. Der Reihe kommt es auf "Europa" an und nicht auf das Recht. Sie hat nicht eine Universalgeschichte im Sinn, sondern nähert sich ihrem Gegenstand "Europa" eher mit Exempeln, die den Gegenstand nicht nur konturieren, sondern die auch nachweisen wollen, dass es ihn gibt. Diese Exempel müssen also, wenn das Unternehmen gelingen soll, Europa zum Ausdruck bringen. Die bisher gewählten Zugänge zeigen, dass die Exempel großzügig ausgewählt sind; sie reichen von Frauen und Revolutionen über das Meer und die Familie bis zur Stadt, dem Hunger und dem Überfluss. Nun also das Recht als Zugang, als Baustein und als Zeuge für Europa, vorgestellt von Paolo Grossi, einem international anerkannten Rechtshistoriker.

          Auf schmalem Grat

          Wer ein solches Buch schreibt, bewegt sich auf schmalen Grat. Er muss davon durchdrungen sein, dass gerade das Recht Europa konstituiert und kennzeichnet, und er muss dafür einleuchtende Beispiele finden. Er steht damit vor zwei Herausforderungen: Er muss etwa 1500 Jahre (Mittelalter, Moderne, Postmoderne nach Grossis Einteilung) auf weniger als 300 Seiten verständlich machen, und er muss Geschichte und Recht in ein Verhältnis zueinander setzen können, in dem das Recht gerade zu einem Bestimmungsfaktor Europas wird. Beiden Herausforderungen wird Grossi gerecht; der ersten mit Hilfe seiner glänzenden Rhetorik, der zweiten mit Hilfe seines Rechtsbegriffs.

          Die Rhetorik ist trotz der Knappheit des Raums ohne Hast, sie setzt kleine scharfe Lichter, die den Punkt hervorheben, gestattet sich gleichwohl auch ausführliche Zitate zur Vertiefung und Abrundung und lädt am Ende zu ausgedehnten Ausflügen in die Fachliteratur ein. Der Rechtsbegriff ist weit und anschlussfähig; er weist kaum eine menschliche Erfahrung ab, die auch eine Rechtserfahrung sein könnte, hat einen fundierten Respekt vor der juristischen Praxis und führt ohne Anstrengung zu benachbarten Gebieten wie Ökonomie, Naturwissenschaften oder Landwirtschaft. "Recht", wie es hier verstanden wird, ist ein weites Feld; es grenzt sowohl an den Alltag der Menschen als auch an die Vernunft der Institutionen; die Begrifflichkeit regt die Vorstellungskraft an, statt sie zu fesseln.

          Eine europäische Leitkultur

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