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Paarbeziehungen : Warum immer gleich so gereizt?

Jeder, der dieses Buch liest, wird sich selbst besser kennenlernen - und vielleicht sogar erschrecken: Jean-Claude Kaufmanns „Was sich liebt, das nervt sich“ seziert Schicht für Schicht unseren Beziehungsärger.

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          Stellen Sie sich vor, der Mann Ihres Herzens entdeckt eines Tages plötzlich seine Leidenschaft fürs Angeln. Er kauft sich also eine komplette Ausrüstung und fährt bestens gelaunt los, um einen dicken Fisch an Land zu ziehen. Seine Begeisterung verwundert Sie zwar ein bisschen, weil das Angeln, wie gesagt, in Ihrer Beziehung bisher keine Rolle spielte, aber Sie freuen sich auch für Ihren Liebsten.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Spätabends kehrt er wieder nach Hause zurück, in seinen Augen ein Funkeln, das man sonst nur bei kleinen Jungs sieht, die mit einer Carrera-Rennbahn spielen. Jetzt sind Sie doch ziemlich verstört, zumal der Hobbyangler einen Hecht in der Hand hält, irgendetwas von einem Tierpräparator murmelt und davon, wie toll dieser Hechtkopf die gemeinsame Wohnung zieren wird. Tatsächlich ist der präparierte Hechtkopf ein paar Tage später auf ein Holzbrett montiert. Wo soll er hängen? Im Wohnzimmer? Oder im Flur? Sie hassen diesen Hecht - und zürnen Ihrem Mann.

          Messerscharfer Beobachter

          Diese Geschichte ist nicht erfunden. Nachlesen kann man sie in dem neuen Buch des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann, der sich seit vielen Jahren mit den Tücken und Mechanismen von Paarbeziehungen beschäftigt („Schmutzige Wäsche“, „Singlefrau und Märchenprinz“) und ein messerscharfer Beobachter ist. Das Buch heißt „Was sich liebt, das nervt sich“ und ist an manchen Stellen so komisch, dass man laut lacht. Kaufmann seziert Schicht für Schicht unseren Beziehungsärger und legt seinen Finger tief in die Wunde. Jeder, der dieses Buch liest, wird sich selbst besser kennenlernen - und vielleicht sogar erschrecken.

          Die Befragungstechnik des Soziologen unterscheidet sich dieses Mal von all seinen bisherigen Projekten, bei denen er stets auf sein Tonband und den Blick in die Augen des Gegenübers vertraute. Dieses Mal rief Kaufmann in der französischen, belgischen und schweizerischen Presse dazu auf, mit ihm in E-Mail-Kontakt zu treten und dem Beziehungsärger Luft zu machen. Er bekam jede Menge elektronische Post, fast ausschließlich von Frauen, was die Vermutung nahelegt, dass Männer besser gegen Ärger gewappnet sind oder ihn zumindest anders empfinden und artikulieren.

          Jede Menge Zündstoff

          Am Anfang der Beziehung ist von Ärger natürlich keine Spur, die pure Verliebtheit, der allererste Kuss verzaubert jeden. Weit weg scheinen in dieser realitätsfernen Zeit die Liebesfallen des Alltags. Entzückt beobachtet man, wie der andere schnarcht und morgens ungelenk sein Brötchen schmiert, während sich der Kissenabdruck deutlich über die linke Wange zieht. Dieser entrückte Zustand hält nur kurz an, meist folgt der tiefe Fall. Wenn zwei Menschen Stuhl und Tisch miteinander teilen, prallen hochkomplexe Alltagswelten aufeinander und sorgen für jede Menge Zündstoff.

          Die Liebenden streben nach Nähe und verteidigen gleichzeitig ganze Mikroterritorien gegen die „Vergemeinschaftung des Lebens“. Einer der beiden, stellt Kaufmann fest, versuche stets, dem anderen sein kulturelles Ideal aufzudrängen, zum Beispiel sein Ordnungsempfinden. Das sorgt für Ärger und chronische Gereiztheit. Das tägliche Miteinander wird zum erbitterten Kampf, das Zuhause verwandelt sich in einen Kriegsschauplatz. Ohne Blessuren kommt keiner davon.

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