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Otto Neurath: „From Hieroglyphics to Isotype“ : Von der Schädlichkeit der Perspektive

Bild: Hyphen Press

Bei den alten Ägyptern lernen, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft klar darstellen lassen: Otto Neuraths visuelle Autobiographie liegt nun endlich vor.

          Als Otto Neurath 1945 in Oxford starb, betreute er gerade die Planungen für den Bau eines modernen Gartenstädtchens, das die Slums einer englischen Industriestadt ersetzen sollte. Ein Zeitungsbericht über dieses Projekt stellte den über Holland nach England geflüchteten österreichischen Wissenschaftler den Lesern deshalb als "consultant sociologist of human happiness" vor. Sollte die Bezeichnung nicht ohnehin von Otto Neurath selbst stammen, so war sie jedenfalls treffend gewählt. Denn dass die Glückssumme der Menschheit zu klein sei und vergrößert werden müsse, das war die Maxime, die Neuraths Zielsetzungen wohl am bündigsten charakterisiert.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist die Maxime eines Nationalökonomen, der sein Fach auf dem Weg zu einer empirischen Wissenschaft sah und Marx das Verdienst zusprach, vor Augen geführt zu haben, wie sich "Analyse der Gegenwart und die utopistische Konstruktion" solide verbinden lassen. Und das hieß für Neurath: den Spielraum alternativer wirtschaftlicher Organisation aufzuzeigen, durch den sich die Lebenslagen - das quantifizierbare Äquivalent der Glücksmöglichkeiten - mit möglichst geringem Aufwand verbessern lassen.

          Der Gesellschaftstechniker

          An die Stelle des naiven Utopisten konnte damit in Neuraths Augen der "Gesellschaftstechniker" treten. Was es dazu allerdings brauchte, war eine übersichtliche Form der Darstellung von gesellschaftlichen Funktionen und Effekten. Der Ökonom Neurath sah sie in der Naturalrechnung, also der Darstellung einer Volkswirtschaft durch die dem Marktgeschehen zugrundeliegenden Produktionsmengen und Güterflüsse.

          Die versuchte praktische Umsetzung dieser Vorstellung als Verantwortlicher für die "Sozialisierung" Bayerns unter der Münchener Räteregierung war zwar nur ein kurzes Zwischenspiel. Aber von der Forderung nach einer übersichtlichen schematischen Darstellung, die es allen Mitgliedern, auch denen aus den unteren sozialen Schichten, ermöglicht, sich ein Bild von gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen wirtschaftlicher Entscheidungen zu machen, führte ein direkter Weg zu der von Neurath entwickelten Bildstatistik: An seinem Wiener "Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum" entwarfen er und seine Mitarbeiter möglichst unmittelbar verständliche, meist in abstrahierender Umrisszeichnung gegebene bildhafte Symbole, um statistische Mengenbilder und Korrelationen sinnfällig zu machen. Zusammenhänge sollten sich durch die verwendete Bildnotation, mit gleichbleibenden Grundsymbolen und festgelegten Kombinationsregeln, schnell und leicht erschließen.

          Übersichtlich sei das Bild

          Aus dieser "Wiener Methode der Bildstatistik" entwickelte sich dann - ab 1934 in Den Haag im Rahmen der "International Foundation for Visual Education" und nach 1940 mit der Gründung des "Isotype Institute" in Oxford - die Arbeit an einer internationalen Bildersprache. Einem größeren Publikum ist Otto Neurath heute wohl vor allem durch diese bildpädagogischen Arbeiten bekannt. Obwohl man auch vor Augen haben sollte, dass die Bildersprache - "Isotype" steht für "International System of Typographic Picture Education" - sich in ein ganzes Bündel von Unternehmungen fügte, die Neuraths Grundhaltung der engen Verknüpfung von wissenschaftlichem Programm und gesellschaftlicher Reform demonstrierten.

          Das Projekt einer enzyklopädischen Gesamtdarstellung der Wissenschaften gehörte dazu, die auch zehn Bände mit einer vorwiegend bildstatistischen "Weltübersicht in Bildern" enthalten sollte, die in der Wiener Arbeiterbewegung wurzelnden Überlegungen zum Siedlungsbau, der Kampf gegen alle "Metaphysik" im Namen einer "streng empirischen" - natürlich antibürgerlichen - Soziologie und das Programm einer "Einheitswissenschaft", das Neurath zwischendurch zwar zu steilen physikalistischen Parolen führte, aber mit seiner ganz pragmatischen Ausrichtung an seinen gesellschaftstechnischen Zielsetzungen die altehrwürdigen philosophischen Fundierungsansprüche seiner logisch-positivistischen Mitstreiter im "Wiener Kreis" weit hinter sich ließ.

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