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: Ost-Berlin hetzte zum Schlag gegen Prag

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Zeitgerecht zum 40. Jahrestag hat das Ludwig Boltzmann-Institut in Graz federführend für ein Forschungsnetzwerk aus Europa, Russland und den Vereinigten Staaten einen aufwendigen Doppelband über die Ereignisse um den Prager Frühling vom Frühjahr und Sommer 1968 herausgebracht. Dem Initiator Stefan ...

          Zeitgerecht zum 40. Jahrestag hat das Ludwig Boltzmann-Institut in Graz federführend für ein Forschungsnetzwerk aus Europa, Russland und den Vereinigten Staaten einen aufwendigen Doppelband über die Ereignisse um den Prager Frühling vom Frühjahr und Sommer 1968 herausgebracht. Dem Initiator Stefan Karner war es dazu seit 2003 gelungen, über 80 Historiker und Mithandelnde zusammenzubringen. In enger Kooperation mit der Russischen wie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften ließ sich bis 2006 ein Prozess der Aktenöffnung in Gang setzen. Unterstützung erfuhr das Projekt auch auf politischer Ebene, wo nach Einschaltung von Präsident Putin bislang wirksame Vorbehalte gegen eine historisch-kritische Aufarbeitung abgebaut werden konnten. Dadurch waren die Politbüro-Beschlüsse für die Jahre 1967 bis 1969 offenzulegen und wesentliche Akten des ZK der KPdSU auszuwerten. Weitere Bestände wurden durch Fachautoren in östlichen wie westlichen Archiven erschlossen. Die 232 wichtigsten Dokumente konnten im zweisprachigen Begleitband in Russisch und Deutsch, teilweise zusätzlich in Englisch, ediert werden. Damit kann nunmehr die internationale Forschung in vollem Umfang davon profitieren.

          Mit ihren 57 Fachaufsätzen, 10 Zeitzeugenberichten und 3 abschließenden Essays stecken die Beiträge einen außerordentlich breiten Rahmen von der Vorgeschichte bis zu den Nachwirkungen der August-Ereignisse ab. Historiker aus den ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts wirken dazu erstmals umfassend mit Fachkollegen aus Österreich und den Nato-Staaten zusammen. Entstanden ist ein sehr differenziertes Bild über die innere Entwicklung in der Tschechoslowakei, ihre Wahrnehmung in Ost und West, den Ablauf der Ereignisse und deren politische Folgen. Spezielle Kapitel widmen sich außerdem der Rolle der Geheimdienste, dem Echo in den einzelnen Sowjetrepubliken und den Auswirkungen auf das am unmittelbarsten betroffene Nachbarland Österreich.

          Schon die innerparteilichen Auseinandersetzungen in Prag um die Ablösung von Parteichef Novotny an der Wende 1967/68 waren in Moskau, Ost-Berlin und Warschau mit wachsender Beunruhigung verfolgt worden. Führungsdifferenzen hatten sich vor dem Hintergrund zunehmender Wirtschaftsprobleme derart aufgeladen, dass aus Sicht der besorgten Nachbarn bereits im Frühjahr 1968 Gefahren für den Systemerhalt von einer breiten öffentlichen Kritikbewegung aus Intellektuellen, Jugendlichen und Medien drohten. Vorsichtig verhielt sich aus historischer Erfahrung wohl noch die katholische Kirche. Weit voraus wiesen dagegen ungelöste Probleme eines Ausgleichs zwischen Tschechen und Slowaken. Mit dem geschickten Schachzug einer Einsetzung des Slowaken Husák zum neuen Parteichef nach Niederschlagung des "Prager Frühlings" konnten solche Fliehkräfte noch einmal zurückgedämmt werden; nach dem Umbruch von 1989/90 sollten sie schließlich zur Teilung des Landes führen.

          Bezeichnenderweise war es DDR-Botschafter Florin, der dies alles Anfang März erstmals zum Warnruf vor einer "Konterrevolution" verdichtete. Analogien zu den Ereignissen in Ungarn 1956 wurden gezogen. Die unmittelbaren Anrainer in der DDR (Ulbricht), der Volksrepublik Polen (Gomulka) und der Sowjetrepublik Ukraine (Schelest) warnten vor Ansteckungsgefahren und traten deshalb von Anfang an und durchgängig für harte Gegenmaßnahmen ein. Eine vermittelnde Rolle suchten zunächst noch Ungarn (Kádár), Rumänien (Ceausescu) und Jugoslawien (Tito) zu spielen. Direkte Kontakte der Parteichefs Breschnew und Dubcek hielten bis in den Sommer Hoffnungen auf eine innertschechische Lösung offen, ohne dass man daraus auf eine Lagerbildung von Falken und Tauben im Kreml schließen dürfte. Noch beim Treffen der späteren fünf Intervenienten ohne die betroffenen Tschechen im März in Dresden suchte man zwar der KP-Führung den Rücken für ein hartes Gegensteuern zu stärken. Verbunden war dies freilich mit der unverhohlenen Drohung, dass Prag die zunehmend unberechenbaren Prozesse entweder sehr schnell selbst stoppte oder bei einem Scheitern mit einer externen Intervention zu rechnen hatte. Die bulgarische Führung gab sogar zu überlegen, dann gleich auch bei den unsicheren Kantonisten in Bukarest und Belgrad für Ordnung zu sorgen, eine Anregung, die im weiteren Verlauf der Krise aus guten Gründen jedoch nicht weiterverfolgt wurde.

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