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: Ossian in Deutschland

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"Bedecke deinen Himmel, Zeus, / Mit Wolkendunst! / Und übe, dem Knaben gleich, / Der Diesteln köpft, / An Eichen dich und Bergeshöhn!" Viel von Goethes berühmter Ode, in der er im Namen Prometheus' mit einer ganzen Generation gegen sämtliche Autoritäten, literarische Traditionen und ästhetische Konventionen zu Felde zieht, stammt womöglich nicht von ihm allein.

          "Bedecke deinen Himmel, Zeus, / Mit Wolkendunst! / Und übe, dem Knaben gleich, / Der Diesteln köpft, / An Eichen dich und Bergeshöhn!" Viel von Goethes berühmter Ode, in der er im Namen Prometheus' mit einer ganzen Generation gegen sämtliche Autoritäten, literarische Traditionen und ästhetische Konventionen zu Felde zieht, stammt womöglich nicht von ihm allein. Wenn man will, lassen sich in diesem höchste Originalität beanspruchenden Text Anklänge aus dem schottisch-irisch-gälischen Sagenschatz des dritten Jahrhunderts vernehmen. Da erhebt sich etwa der Held Fingal ähnlich anmaßend wie Prometheus gegen den Gott Odin: "Son of night, retire: call the winds and fly", dort fallen Köpfe wie Disteln: "Warriors fell by thy sword, as the thistle by the staff of a boy". Selbst für scheinbar neuartige Wendungen in Goethes früher Dichtung wie "Wolkendunst" ("cloud of mist"), "Nebelkleid" und "Nebeltal" ("robe of mist", "misty valley") oder "Feuerflügel" ("wings of fire") finden sich in der Welt Ossians Entsprechungen.

          Der greise, blinde Barde, der die Taten seines Vaters Fingal besingt und elegisch der Vergangenheit nachtrauert, wird in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts zum Helden Europas. Diese Figur von zweifelhaftem historischem Status hat der Schotte James Macpherson teils wiederentdeckt, teils selbst geformt. In umstrittener Weise übersetzt, adaptiert und dichtet er seit 1760 auf Grundlage alter Handschriften, aber auch mündlicher Überlieferungen im Namen Ossians naturwüchsige Balladen in epischem Gewand. 1760 erscheinen erste "Fragments", 1762 der relativ authentische "Fingal", 1763 folgt das eher fiktive Epos "Temora" und 1765 endlich "Works of Ossian". Unter dem Stichwort "joy of grief", in deutschen Übersetzungen als "Wonne der Wehmut" oder "Freude des Schmerzens" wiedergegeben, werden diese Dichtungen zum Katalysator der Empfindsamkeit und zur gefeierten Mode.

          Goethe teilt also seine fiebernde Begeisterung mit vielen Zeitgenossen - vor allem im Sturm und Drang und der Romantik. Für ihn "geht doch nichts drüber", wie er Herder anläßlich eigener Übersetzungsversuche aus dem Gälischen bekennt. Jedenfalls bis zur Zeit des "Werther", der seine "Krankheit zum Tode" mit ebenfalls selbstübertragenen urwüchsigen Naturszenen Ossians zum tragischen Höhepunkt peitscht. Wie der Barde zu seinem überwältigenden Ansehen in Deutschland gelangen konnte - als "Homer des Nordens" (Madame de Staël) oder "Mutter der Romantik" (Jean Paul, Uhland) -, ist jetzt die Grundfrage einer monumentalen Studie von Wolf Gerhard Schmidt. Im Lande Macphersons, das seit dem achtzehnten Jahrhundert die schlanke Form des Essays kultiviert, gelten solche mehrbändigen Standardwerke indes als "door-stop" meist typisch deutscher Gelehrsamkeit. Doch Schmidts ambitionierte Dissertation, die einen weiten Horizont eröffnet, verdient Respekt, auch wenn sie leider ein unerschwingliches Bibliothekskompendium bleiben wird.

          Ossian, der selbst im Bewußtsein von Gebildeten kaum noch lebendig ist, kann man mit keiner einfachen Wirkungsgeschichte gerecht werden. Schon der von Macpherson geschaffene Gegenstand selbst ist seit je höchst umstritten. Es fehlen zuverlässige Quellen, aus denen diese Texte kompiliert, übersetzt oder dichterisch adaptiert wurden. Rezipiert wird also keine bloß literarische Überlieferung, sondern ein kaum überschaubarer Diskurs. Dazu gehören die Geschichte der Editionen, Übersetzungen und Kommentare; die Debatten um die Echtheit und die damit verknüpfte Frage der Genialität; die nationalen und patriotischen Projektionen auf die nordische Mythologie mit ihren ersehnten Rückgriffen auf einen naturpoetischen Urton des Volkes. Weitere Aspekte der Rezeption betreffen die Ästhetik des Erhabenen durch Ossians karge Landschaften, ferner das Problem der Intertextualität, denn Macpherson verwebt seine angeblich authentischen Quellen mit zahllosen Versatzstücken aus der Bibel, Homer, Vergil, Milton oder Shakespeare. Hinzu kommen die eigenwillige Vermischung der Epochen und die damit einhergehende Entmachtung der Antike, mit der Macphersons Ossian - wie im "Werther" - die Autorität Homers verdrängt.

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