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Regretting Motherhood : Die Nabelschnur als Galgenstrick

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Angesichts der vielen Hunderttausend Frauen, die verzweifelt versuchen, ihren unerfüllten Kinderwunsch wahr werden zu lassen, ist es zudem eine groteske Missdeutung der Verhältnisse. Es entsteht der Eindruck, als würden Frauen, die Mutter geworden sind, diese Entscheidung ebenso bereuen wie Frauen, denen dies versagt blieb - etwa weil sie zu alt geworden sind. Dass Letztere jedoch erkennbar in der Mehrheit sind, muss nicht erst mittels einer Studie belegt werden: Die einschlägigen Kinderwunschforen im Internet liefern Millionen Einträge, unaufgefordert.

Donaths Studie als Göbels Fundament

Solche Einwände schrecken aber Esther Göbel nicht davon ab, sich in „Die falsche Wahl“ ausgiebig auf Donaths Studie, die sie laut eigener Aussage viermal lesen musste, zu beziehen. Sie hatte 2015 in der „Süddeutschen Zeitung“ darüber berichtet, reichert das im Buch rasch noch um einige Gespräche mit deutschen Frauen an und bringt schließlich ein Sammelsurium von Einwänden vor gegen den früher religiösen, inzwischen mitten in der Gesellschaft verorteten Imperativ des „Vermehrt euch“.

Sie möchte sich mit ihren Überlegungen offenbar in eine illustre Reihe stellen, unter der Aufklärerin Olympe de Gouges - sie übersetzte die Menschenrechte 1791 für die Frau - oder der Frauenrechtlerin Luise Büchner tut sie es nicht. Da darf die Frontfrau Élisabeth Badinter nicht fehlen, die Mutterliebe als historisches Konstrukt entlarvt haben will. Badinter liefert Göbel zum Beispiel eine wichtige Information, die ganz in den Kontext passt. Den berühmten Polizeileutnant Lenoir, der 1780 beklagt haben soll, von den 21.000 Kindern, die jährlich in Paris geboren werden, würden fünfundneunzig Prozent von Ammen gestillt, kennen alle, die sich ansatzweise mit feministischer Literatur befasst haben. Genannt ist er im ersten Satz des Vorworts von Badinters Buch „Die Mutterliebe“, praktisch für all jene, die nicht viel mehr lesen wollen.

Da Göbel, wie viele andere auch, den deutschen Muttermythos nicht unwidersprochen stehen lassen will, zitiert sie dies als „Berichte der Pariser Polizei“ in ihrem Text. Dass es eigentlich ein Sekundärzitat ist und die Autorin kein Quellenstudium betrieben hat, erfährt erst, wer im Literaturverzeichnis nachsieht. Weil der Badinter-Befund so schön passt, passen die Kritiker, die Badinter einen laxen Umgang mit ausgesuchten historischen Quellen vorwerfen, weniger gut ins Konzept. Die Frage, wie denn praktisch alle Pariserinnen - 1780 gab es viele Arme - die Ammen finanziert haben sollen, ist deshalb nicht zielführend.

Die Wahl der Waffen will geübt sein

Wer auf wenigen Seiten den deutschen Muttermythos zerpflücken will, darf in der Wahl der Waffen nicht pingelig sein. Sicher wurde die wichtige Frage, wie natürlich Mutterliebe denn ist, andernorts schon prägnanter formuliert und auch prägnanter nicht beantwortet, aber wenn es um die Reue der Mütter geht, darf das einfach nicht fehlen. Zwischendurch serviert die Autorin noch ein paar Studien, die man so interpretieren kann, aber nicht muss, dass Mütter alles in allem „höhere Glückslevel“ haben als Frauen, die keine Kinder haben - wenngleich sie hie und da über zu wenig Freizeit klagen. Freilich sollte keine Frau zum Kinderkriegen genötigt werden, das lässt sich nicht daraus folgern.

Was fehlt noch? Richtig, der kritische Hinweis auf die bösen Mächte des globalen Kapitals, die in Caring, Cleaning und Cooking nur Profit wittern, wer da den roten Faden verliert, ist nicht selbst schuld. Das wichtige Thema, die bereuenden Mütter in ihrer Not hätten mehr verdient als diese Rundumschläge mit Versatzstücken des Feminismus. Hilfreich, dass zumindest ein angenehm unprätentiöser Abriss der letztjährigen Debatte auf http://www.vereinbarkeitsblog.de/regrettingmotherhood-lesesammlung/ nachzulesen ist, kurz und strukturiert dazu.

Orna Donath: „#regretting motherhood“.Wenn Mütter bereuen. Knaus Verlag, München 2016. 272 S., 16,99 €.

 

Esther Göbel: „Die falsche Wahl“. Wenn Frauen ihre Entscheidung für Kinder bereuen.Droemer Verlag, München 2016. 244 S., 19,99 €.

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