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Optimierung des Körpers : Wie fit hätten Sie mich denn gern?

Survival of the fittest: im Hamsterrad der Selbstoptimierung Bild: picture-alliance/ dpa

Der Zwang zur Optimierung ist allgegenwärtig. Die Hirnforschung warnt vor „brachliegenden Arealen“, Doping und Schönheitschirurgie lassen den im Abseits, der die technischen Potentiale ungenutzt lässt. Der Harvard-Philosoph Michael Sandel plädiert angesichts des Perfektionierungswahn für den Tunichtgut.

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          Was ist passiert, dass ein Buch wie dieses erscheint? Hat man es zu Ende gelesen, bleibt man noch eine gute Weile verdattert in der Dachstube sitzen (es ist erkennbar ein Buch für Dachstubenbewohner, nicht für Eigenheimbesitzer), bevor man wieder unten auf die Straße tritt, ins blütenstaubduftende sonnige Leben. Ja, was ist passiert, dass dieses „Plädoyer gegen die Perfektion“ des Philosophen Michael Sandel erscheint - und uns aus dem großen Optimierungswahn reißt, in dem wir auf die ein oder andere Art gefangen sind?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Passiert ist laut Sandel das Folgende: ein schleichender Zwang zur Optimierung der menschlichen Natur, zur Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten, zur Ausschöpfung von - horribile dictu - ungenutzten Potentialen. Die Hirnforschung warnt vor „brachliegenden Arealen“, die pränatale Diagnostik mahnt zur „Verantwortung“, wir sind im Bann von Doping und Schönheitschirurgie, der medikamentösen Manipulation von Körpergröße, Muskelkraft, Stimmung und Gedächtnis. Es ist ein Zwang, der schon vor der Geburt einsetzt und uns bis ins Altersheim verfolgt. Ein Zwang, der allgegenwärtig zu werden droht, so dass sich ihm kein Tunichtgut folgenlos entziehen kann. Sandel jedoch hält den Optimierern entgegen: Der Tunichtgut ist gut genug!

          Fitness als moralische Kategorie

          „Wir stecken in der verzwickten Lage, dass uns das neue genetische Wissen ermöglicht, unsere eigene Natur zu manipulieren. Obwohl die meisten Menschen das beunruhigend finden, lässt sich nicht so leicht sagen, warum.“ Sandels Schrift schürt eine Beunruhigung über Fitness als moralischer Kategorie. Mentale Fitness, physische Fitness - wie fit ist fit genug? Auch Sandel hat darauf keine eindeutige Antwort parat. Das ist das gute Recht des Philosophen. Philosophen, die nur Fragen stellen, auf die sie die Antworten in der Tasche haben, können sicher sein, dass sie die falschen Fragen stellen. Natürlich sind Sandels Fragen einseitig; aber richtige Fragen sind immer einseitig, nur deshalb können sie etwas sichtbar machen. Und natürlich hat Sandel ein Plädoyer geschrieben, das polarisiert. Es gibt existentielle Fragen, denen kann man nicht als wandelnder Vermittlungsausschuss begegnen. Sondern nur, indem man eine Haltung einnimmt. Eine Haltung einzunehmen ist aber etwas anderes, als sich an die Spitze der Züge zu setzen, die ohnehin abfahren.

          Weil Michael Sandel auf solche Unterscheidungen Wert legt, lohnt es die Mühe, sich mit seinen Sachen zu beschäftigen. Ludger Honnefelder machte einen guten Griff, als er Sandels Schrift in das Programm des noch jungen Verlags Berlin University Press nahm - gleichsam als eine der Gründungsschriften. Damit ist eine Duftmarke gesetzt.

          Die Nacktheit des Technologieverweigerers

          Viel zu oft, so Sandel, lasse man sich „ins vergrößerte Spiel moralischer Verantwortung“ hineinziehen, als sei es ein Naturereignis. Besser sei es, die Grenzen der Verantwortung und damit auch der „Vorsorge“ für sich persönlich zu ziehen, statt sie sich gesamtgesellschaftlich vorgeben zu lassen. Beispiel pränatale Diagnostik. Sandel macht auf die sich verändernden Normen pränataler genetischer Untersuchungen aufmerksam. Zwar bleiben Eltern nach wie vor „frei in ihrer Möglichkeit zu entscheiden, ob sie Pränataluntersuchungen wollen und ob sie aufgrund ihrer Ergebnisse handeln wollen. Aber sie haben keine Möglichkeit, sich der Last der Entscheidung, die die neue Technologie schafft, zu entziehen.“

          Auch wer diese Technologie nicht nutzt, hat eine Entscheidung getroffen und kann die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom nicht länger als Sache des Zufalls betrachten: „Der prometheische Drang ist ansteckend. In der Elternschaft wie im Sport verdrängt und untergräbt er die geschenkte Dimension der menschlichen Erfahrung. Wenn leistungsfördernde Medikamente der Normalfall werden, stehen nichtoptimierte Spieler plötzlich als ,nackt' da. Wenn genetische Untersuchungen routinemäßig zu einer Schwangerschaft dazugehören, gelten Eltern, die sie meiden, als ,Blindflieger' und werden für jedweden genetischen Fehler ihres Kindes verantwortlich gemacht.“ Vor derart überdehnter Verantwortung warnt Sandel.

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