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Oliver Müller u. a. (Hrsg.): Das technisierte Gehirn : Es tickt ein Dienstleister im Kopf

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Bild: Verlag

Ist der Tiefenstimulator, den man ins Gehirn operiert, Fremdkörper oder Körperteil? Ein Sammelband formuliert das Echo auf den neuesten Schrei der Hirnforschung.

          4 Min.

          Fähigkeiten in unserem Kopf lassen sich neurotechnisch beeinflussen. Soll man also versuchen, Hirnleistungen zu steigern? Nicht nur durch Psychopharmaka, sondern auch durch digitale Gerätetechnik: ins Gehirn hineinoperierte Sensoren und elektrische Impulsgeber, sogenannte Stimulatoren? Antworten auf solche Fragen sowie Einschätzungen des technisch Machbaren versammelt das voluminöse Werk "Das technisierte Gehirn", herausgegeben von dem Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio mit seinen Mitarbeitern Oliver Müller und Jens Clausen.

          Liest man die qualitativ sehr unterschiedlichen Beiträge des Bandes als Überblick über den Stand der medizin- und technikethischen Diskussion, so verstärkt sich der Eindruck, bastelnde Manipulationen unter der Schädeldecke würden künftig zur mehr oder weniger üblichen Option. Neben Sensoren, die vom Hirn ausgehende Signale ableiten und auf Geräte - etwa Module zur Prothesensteuerung - übertragen, neben neuen OP-Techniken und neben neuen Pharmaka steht als dramatische Form des Eingriffs die gezielte Einleitung von Stromimpulsen per Draht im Hirn: die sogenannte Tiefenhirnstimulation, deep brain stimulation, kurz DBS. Um diese Technologie drehen sich die meisten Beiträge des Sammelbandes.

          Wie der Strom im Kopf genau wirkt, weiß man nicht, da ja auch Hirnfunktionen nur rudimentär erschlossen sind. Im Wesentlichen setzt die Tiefenstimulation Zellen außer Gefecht. Studien zeigen, dass sich auf diese Weise Krankheitssymptome, etwa das Zittern der Parkinson-Erkrankung, wohl aber auch Depressionen unterdrücken lassen. Die Implantation der Drähte basiert auf Versuch und Irrtum, sie ist ein individuelles Heilexperiment mit schwer kalkulierbaren Nebenwirkungen - vom Ausfall zentraler Fähigkeiten bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen. Mehrfach begingen Patienten nach Implantation und Einsatz des Stimulationsgerätes Suizid, weswegen das Verfahren umstritten ist und man seine Anwendung derzeit auf schwere Fälle begrenzt.

          Unklare Grenzen

          Gleichwohl ist die Tiefenstimulation eine Zukunftstechnologie. Dass man sie unter Bedingungen einsetzen sollte, bezweifelt keiner der Beiträge im Band. Die Frage, welches Tor damit aufgestoßen wird, weckt aber auch Bedenken. Ließe das Gerät sich in der Art eines Hirnschrittmachers auch beim Gesunden einsetzen, so scheinen Möglichkeiten der Leistungssteigerung auf, die Manipulation von Aggressionen wie auch die Erzeugung von Glücksgefühlen - etwa als eingebaute Komponente für den Computerspielemarkt. Therapie und Verbesserung lassen sich weder medizinisch noch praktisch klar unterscheiden, genau wie "natürlich" und "künstlich" sich im Feld der Krankenbehandlung nicht trennen lassen und auch die Frage nach "normalen" und "nichtnormalen" Fähigkeiten keine Grenzen für Verbesserungsangebote erbringt. Die vorgetragenen ethischen Abwägungen diskutieren das mögliche Extrem nur indirekt: sie betrachten zumeist heute schon mögliche Einsatzszenarien und wählen hier zunächst die Individualperspektive: Bis wann ist der Technikgebrauch Teil der Freiheit der Nutzer? Und gibt es prinzipielle Bedenken gegen Optimierung im Hirn?

          "Der Mensch ist nur Mensch, wo er sein Leben nicht nur fristet, sondern führen kann. Und dazu gehört eine vielfältige Arbeit an sich selbst mit den unterschiedlichsten Mitteln", erklärt der Philosoph Jan-Christoph Heilinger, womit die Hirnmanipulation schlichtweg als anthropologischer Normalfall erscheint. Tatsächlich hält Heilinger lediglich solche technischen Eingriffe für problematisch, die nicht nur einzelne Individuen verändern, sondern die Gattung insgesamt betreffende Veränderungen bewirken. Das sehen diejenigen Autoren anders, welche Menschenrechte in den Blick nehmen und beispielsweise den Status inkorporierter Geräte analysieren. Ist der Tiefenstimulator ein ganz normales Ding, ein Körperteil oder gar Teil eines "erweiterten Selbst"?

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