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Mohammed als Unternehmer : Der Prophet wusste, wie man Wohlstand schafft

In Mekka war Mohammed einer der reichsten Händler und Investoren. Bild: Reuters

Früher Sinn für Risikokapital: Der Ökonomiehistoriker Benedikt Koehler spürt islamischen Wurzeln modernen Wirtschaftens nach und findet Ideen, die noch heute bestehen.

          Den Muslimen ist Mohammed Prophet und weiser Staatsmann. Viele Kritiker des Islams im Westen sehen in ihm zunächst den Eroberer und den Mann, der mit elf Frauen verheiratet war. Der britische Wirtschaftshistoriker Benedikt Koehler legt nun den Blick auf einen ganz anderen Mohammed frei: auf den Unternehmer aus Mekka und den Schöpfer ökonomischer Institutionen, die - lange vor den italienischen Renaissancestädten - Anstöße zur Entstehung kapitalistischen Wirtschaftens geleistet haben.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Mohammed war über drei Jahrzehnte erfolgreicher Unternehmer, bevor er Prophet und Staatsmann wurde. In seiner Heimatstadt Mekka war Mohammed zu einem der reichsten Händler und Investoren aufgestiegen, bevor ihn ein Boykott, den seine Landsleute wegen seiner neuer Religion gegen ihn ausriefen, fast in den Ruin trieb. In Medina, wohin er im Jahr 622 flüchtete, wurde er wieder reich. Als er im Jahr 632 starb, sei er der reichste Araber gewesen, schreibt Koehler.

          Verbraucherschutz und Wettbewerb

          Mohammed revolutionierte die Religion der Araber, er reformierte aber auch grundlegend das Wirtschaften seiner Zeit. Koehler beschäftigt sich nicht mit der Moschee, wohl aber mit dem Markt. Dort wusste der Unternehmer Mohammed, was Wohlstand schafft, und so setzte er gezielt fiskalische Anreize. Nach seiner Ankunft in Medina gründete er einen Markt, der steuerfrei war und alle anderen in der Umgebung ausstach; er legte Regeln für den Verbraucherschutz und den Wettbewerb fest. Zudem schuf er den ersten staatlichen Rentenplan der Geschichte. Als bei einer Hungersnot die Preise stiegen, baten ihn die Einwohner, einen Höchstpreis festzulegen. Schließlich hatten die Regierungen aller Großreiche seit den frühen mesopotamischen Hochkulturen dies getan. Mohammed lehnte ab: „Die Preise liegen in Gottes Hand.“ Über tausend Jahre später sollte Adam Smith hinter der Preisfindung des Markts eine „unsichtbare Hand“ vermuten.

          Benedikt Koehler: „Early Islam and the Birth of Capitalism“. Lexington Books, Lanham, Maryland 2014. 231 S., geb., 80,- €.

          Die Handelsstadt Mekka, in die Mohammed im Jahr 570 hineingeboren wurde, lebte vom Karawanenhandel. Eine Karawane konnte aus bis zu 2500 Kamelen bestehen. Allein die Logistik stellte hohe Ansprüche, komplex war die finanzielle Abwicklung unter den vielen Partnern. Dazu hatten die Araber bereits vor Mohammed das Instrument des Qirad entwickelt. Koehler bezeichnet es als eine frühe Lösung für Risikokapital. Es verteilte die Risiken, regelte die Verteilung der Gewinne, formulierte Boni. Einer der Investoren war die reiche Kaufmannsfrau Khadidja, Mohammeds erste Frau. Er heiratete sie, als er vierundzwanzig Jahre alt war. Gemeinsam investierten sie in Karawanen, zudem betrieb Mohammed einen Lederwarenhandel. Noch heute von uns verwendete Begriffe gehen auf das Arabische jener Zeit zurück, beispielsweise Tarif oder Scheck. Der Koran verbot zwar den Zins auf geliehenes Geld. Er erlaubt aber den Handel - und den Qirad.

          Niedergang der islamischen Reiche

          Koehler identifiziert zwei andere Institutionen, die der Islam schuf und die für den wirtschaftlichen Erfolg der Muslime entscheidend waren. Stiftungen (Waqf) boten Wohlhabenden ein Instrument, öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser und Bildungsstätten zu gründen und zu betreiben; es war nicht in erster Linie der Staat, der dafür sorgte. Zudem stellten Schulen (madrasa) die Vermittlung von rechtlichem Wissen sicher, das für die Organisation der Gesellschaft und der Wirtschaft wichtig war (und ist). Ein halbes Jahrhundert nach Mohammeds Tod führte der Omyyadenkalif Abdalmalik Goldmünzen (Dinar) und Silbermünzen (Dirham) ein, die im islamischen Binnenmarkt das einzige Zahlungsmittel waren. Für den wirtschaftlichen Niedergang der islamischen Reiche vom dreizehnten Jahrhundert an macht Koehler neben der Entdeckung neuer Handelsrouten - der Seewege nach Indien und Amerika - die Stagnation im Innern verantwortlich. Über Jahrhunderte hatten die Muslime eine hohe Ambiguitätstoleranz. Denn die Quellen des Islams ließen sich sehr unterschiedlich auslegen. Als sich die Meinung durchsetzte, alle Unklarheiten seien beseitigt, sei es mit der ökonomischen Kreativität vorbei gewesen; auch intervenierten die Herrscher in die Märkte.

          Koehler zeigt an vielen Beispielen, dass der frühe Islam einen bisher unterschätzten Anstoß zur Entwicklung des Kapitalismus in Europa gegeben hat. So habe die Konstruktion des Qirad die Bildung der „Commenda“ genannten Risikokapitalfirmen in italienischen Städten geprägt. Der Pisaner Leonardo Fibonacci (1170 bis 1240) lernte in Algier das Rechnen und Kalkulieren der arabischen Geschäftsleute kennen, sein Lehrbuch „Liber abaci“ wurde unter den Kaufleuten Italiens ein Bestseller.

          Koehler zufolge brachten die Templer von den Kreuzzügen die Idee der Rechtsschulen (madrasa) nach London; dort seien nach diesem Vorbild die „Inns of Court“ als Ausbildungsstätte für Juristen gegründet worden. Außerdem hätten die Templer den Bischof Walter de Merton (1205 bis 1277) mit der Idee des „Waqf“ vertraut gemacht; und als Mischung aus Madrasa und Waqf entstand 1264 in Oxford das Merton College, eine der ältesten britischen Hochschulen. Europa lernte von den Arabern die Ausgabe von Goldmünzen, als die Venezianer die Muslime in Palästina vertrieben und deren Goldprägeanstalten übernahmen. In Westeuropa endete die Stagnation der Geldwirtschaft, aber auch der Einfluss des islamischen Orients auf die Entwicklung des Abendlands.

          Der Kreis schließt sich. Mekka und Venedig hatten viel gemein. Mekka lebte vom Karawanenhandel, Venedig vom Fernhandel zur See. Beide hatten kein wirkliches Hinterland, waren keine politische Macht. Sie prosperierten, weil es keine politische Macht gab, welche die Unternehmer daran hinderte, Risiken einzugehen sowie die dazu erforderlichen rechtlichen und wirtschaftlichen Instrumente zu entwickeln.

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