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Odo Marquard: Endlichkeitsphilosophisches : Humor gibt das rechte Maß

Bild: Reclam Verlag

Odo Marquard nimmt das Altern in den Blick und begegnet der Endlichkeit mit Humor.

          Alter ist eine Frage der Definition. Odo Marquard ist wirklich alt - im Februar wurde er 85 -, also kein „best-ager“ von Anfang oder Mitte sechzig, nicht im sogenannten dritten Lebensalter, sondern einer, der über echtes Alter, das vierte, Auskunft geben kann. Für einen Menschen hat sich mit Mitte achtzig die Welt so grundlegend umgewälzt, dass kaum noch Vertrautes bleibt. Aber genau auf diese Lage hatte Odo Marquard sich mit seiner eigenen Philosophie auch vorbereitet, indem er schon früh zeigte, dass den Beschleunigungen und Vergänglichkeiten auf der anderen Seite eine stets wachsende Neigung zur Bewahrung von Traditionsbeständen entspricht. Ja, er hat seine eigene Aufgabe, die des „Geisteswissenschaftlers“, just als solche „Kompensation“ beschrieben. So konnte er zugleich maßvoll modern und maßvoll konservativ sein.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Literatur zum Alter ist breit, von Ciceros „De senectute“ bis zu Jacob Grimms Rede über das Alter und vor allem zu den vielfachen Überlegungen der Kunst- und Literaturwissenschaftler des vergangenen Jahrhunderts über Alters- und Spätstile. Reflexionen wie die von Marquard, dem diese Deutungen natürlich vertraut sind, mögen auch insofern an der Zeit sein, als die Deutschen ein alterndes Volk sind. Marquard gibt aber viel weniger Trost als Cicero, der einer Klage über das Alter hatte entgegentreten wollen; regelrecht ideologiekritisch merkt er im Gespräch mit Franz Josef Wetz an, Ciceros Absicht sei es gewesen, „die gesellschaftliche Stellung älterer Männer als Kapitäne von Kultur und Politik zu sichern“. Im Grunde also stimmt er der Altersklage zu: Man ist weniger aktiv, die Krankheiten nehmen zu, und die sinnlichen Freuden kann man kaum noch genießen.

          Marquards Lösungsvorschlag ist der Humor

          Indem beim alten Menschen die Zukunftshorizonte schwinden, werde er, und das ist Marquards gute Nachricht, frei von der Zukunftshörigkeit und -gläubigkeit, der „future correctness“, die den Jüngeren unausweichlich ist. Er kennt indes auch die Rolle des „Revoltiergreises“, der (wie Herbert Marcuse 1968) den Enkeln süße Bonbons zusteckt.

          Endlichkeit ist das Schlüsselwort dieser Essays und Gespräche. Endlichkeit des Menschenlebens, Endlichkeit auch der Welt, die stets und überall Bedingtheiten gegen die Wünsche geltend macht. Marquards Lösungsvorschlag ist der Humor. Der Humor scheint ihm die einzige Haltung zu sein, die einer allseitigen Begrenztheit gerecht werden kann, indem er sie anerkennt und zugleich relativiert. Vor allem der humoristische Roman des neunzehnten Jahrhunderts ist sein Paradebeispiel - und man glaubt ihn förmlich beim Lesen eines Romans Wilhelm Raabes zu sehen, dessen Werke man ja auch erst ab einem gewissen Alter schätzen lernt.

          Marquards Lösungsvorschlag des Humors als mentaler Balance der Abbauprozesse ist - plausibel für einen Angehörigen der „skeptischen Generation“ - quietistisch und versöhnend: „Endliches zeigt sich als das Menschliche nicht dadurch, dass es aufhört, das Endliche zu sein, sondern dadurch, dass bekräftigt wird, dass es das Endliche ist. Endliches wird humoristisch nicht durch Unendliches, sondern durch anderes Endliches distanziert, in dem man - sozusagen - die Endlichkeit auf die Schultern möglichst vieler Phänomene verteilt: Geteilte Endlichkeit ist lebbare Endlichkeit.“ Und gleich stellt sich die Frage, ob aus der allgemeinen Endlichkeit sich nicht mit gleichem Recht existentialistisch-aktivistische oder gar aktionistische Maximen ableiten ließen. Weil die Welt überall die Wünsche begrenzt und ihnen grundsätzlich nie genügen wird, gibt es Bewegungen und Kämpfe. Und weil die Lebenszeit begrenzt ist, kann man die Teilnahme an solchen Kämpfen nicht aufschieben, sondern ist dabei aufs Jetzt verwiesen.

          „Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handel waltet über die Welt, und ich habe nichts angelegentlicher zu tun als dasjenige was an mir ist und geblieben ist wo möglich zu steigern und meine Eigentümlichkeiten zu kohobieren, wie Sie es, würdiger Freund, auf Ihrer Burg ja auch bewerkstelligen“, schrieb Goethe im höchsten Alter (aber da war er immer noch jünger als Marquard) an Wilhelm von Humboldt. So könnte man es auch von diesen philosophischen Überlegungen sagen, wenn man das „Steigern“ nicht mehr als Expansion versteht, sondern als Verdichtung.

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