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: Nur zuständig für Norwegen

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Wer sich in die scholastischen Labyrinthe der Theologie verirrt, kann wie Jorge Luis Borges zur Meinung kommen, es handele sich bei dieser Disziplin um einen Zweig der phantastischen Literatur. Umgekehrt gilt auch, daß Fantasy und Science-fiction als Zweige von Theologie und Religionswissenschaft ...

          Wer sich in die scholastischen Labyrinthe der Theologie verirrt, kann wie Jorge Luis Borges zur Meinung kommen, es handele sich bei dieser Disziplin um einen Zweig der phantastischen Literatur. Umgekehrt gilt auch, daß Fantasy und Science-fiction als Zweige von Theologie und Religionswissenschaft gesehen werden können, so häufig tauchen Motive und Figuren aus diesen Beständen des menschlichen Denkens noch in den abstrusesten Werken auf. Auf diese Komponente haben sich die Herausgeber des Sammelbandes "Gotteswelten" konzentriert.

          Thomas LeBlanc, der Gründer der einmaligen Phantastischen Bibliothek zu Wetzlar, und der Theologe und Anglist Johannes Rüster sehen sich in ihrem Vorwort in der Defensive. Es gebe zwar massenhaft Arbeiten über Religion und Literatur ("... biblische Motive in der Lyrik nach 1945"), doch die meisten scheuten sich vor einer Berührung mit den Stiefkindern Science-fiction und Fantasy. Aber gerade hier, so zeigt die Aufsatzsammlung, findet die eigentliche Diskussion über Religion heute statt. "Eigentlich" heißt nicht nur im Sinne der größten Rezeption, sondern durchaus auch im Sinne von Ernsthaftigkeit, von Radikalität und Aktualität. Gegen solche Publikumserfolge wie die von Tolkien, Dick, Douglas Adams, Pratchett oder Pullman, die noch einmal gesteigert werden durch Verfilmungen, nehmen sich die Diskussionen in theologischen oder literaturwissenschaftlichen Kreisen eher als akademische Kaffeekränzchen aus. Science-fiction und Fantasy werden gerne in ihrem Fluchtcharakter analysiert, und doch ist es erstaunlich, wie direkt sie auf die gesellschaftlichen und weltanschaulichen Probleme ihrer Zeit reagieren. Das zeigt sich insbesondere bei der Frage nach den Gottesbildern.

          Für die etwa sechzig Buch- und Autorenporträts haben die Herausgeber meist jüngere Beiträger gewonnen, Doktoranden ebenso wie Sozialarbeiter und Aficionados des Genres. Die dadurch entstehende Heterogenität haben sie gern in Kauf genommen. Jedes Werk erhält einen kleinen Aufsatz, der von einer Kurzbiographie eingeleitet wird. Einzelne Italiener und Polen sind vertreten (Valerio Evangelisti, Stanislaw Lem), die Französin Joëlle Wintrebert sowie die beiden Ukrainer, die sich hinter dem Pseudonym Henry Lion Oldie verbergen. Deutsche Autoren glänzen durch ihre Mitarbeit am Heftchen-Universum des Perry Rhodan (Kurt Mahr, K. H. Scheer, Clark Darlton). Doch der größte Teil der behandelten Romane und Erzählungen stammt aus der anglo-amerikanischen Literatur: Science-fiction und Fantasy sind nichts anderes als die Speerspitzen der Globalisierung.

          Liest man die Texte hintereinander weg, will es einem schon schwindelig werden an all den auf- und absteigenden Gottheiten, den von Menschen erschaffenen Schöpfern, den Neben- und Gegengöttern, den Demiurgen, Widersachern und übernatürlichen Verschwörern. Zu Recht leitet der Artikel über Olaf Stapledon den Band ein, denn es war dieser Brite, der wie kein anderer Raum- und Zeitdimensionen der Science-fiction eröffnet hat. In den Universen des "Starmaker" ist die jetzige Menschheit nur kleinstes Teilchen einer immensen Versuchsserie, als die der Kosmos angeordnet ist. Science-fiction legt Feuer unter die bequeme Lehrmeinung der Theologie, indem sie die Frage nach der Gültigkeit des Christentums und überhaupt irdischer Religionen für außerirdische Intelligenzen stellt. Damit hat sich schon der christliche Apologet C.S. Lewis in seinen Romanen auseinandergesetzt, und seine Mitstreiter und Nachfolger sind unendlich. Philip José Farmer etwa läßt einen Christus auf dem Mars erstehen. Verschlungen sind die Wege des Göttlichen: Douglas Adams hat einen schlappen Gott erschaffen, der allerdings nur für die Küste Norwegens zuständig ist, während Brian Aldiss eine echsenförmige riesenhafte Gottheit vorstellt, die sich nach und nach über die Kontinente legt.

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