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: Nur nicht gleich in die Luft gehen

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Der "Ratgeber" ist eine meistens belächelte, aber viel gekaufte Buchgattung. Es ist jene Gattung, in der alles "richtig" gemacht wird, Ordnung und Übersicht vom Universum, über Ernährung, Partnerschaft bis in das Innenleben eines Golfs oder die Pflege eines Aquariums versprochen wird. All diese Ratgeber haben ...

          Der "Ratgeber" ist eine meistens belächelte, aber viel gekaufte Buchgattung. Es ist jene Gattung, in der alles "richtig" gemacht wird, Ordnung und Übersicht vom Universum, über Ernährung, Partnerschaft bis in das Innenleben eines Golfs oder die Pflege eines Aquariums versprochen wird. All diese Ratgeber haben seit dem achtzehnten Jahrhundert nach und nach Funktionen der Beichte und des Katechismus übernommen. Dabei handelt es sich nicht bloß um eine Form der Säkularisierung, vielmehr popularisierten die Ratgeber den Impetus der aufklärerischen Philosophie, durch die Verbindung von Willen und Erkenntnis eine Art innerweltliche Erlösung zu erlangen. Die Lebensführung selbst wurde zum Heilsweg. Wer also den richtigen Rat befolgt, gelangt auch zum richtigen Leben. Diese Maxime besitzt eine Tradition, die bis in die Antike zurückreicht, seit dem achtzehnten Jahrhundert aber systematisiert und gewissermaßen demokratisiert wurde. Mit der Demokratisierung und Pluralisierung der Ratgeber hatte nun auch noch das geringste der Laster Pars pro toto die Last der Erbsünde zu tragen. So kam auch das Lächeln über die Ratgeber in die Welt: Wer zum Beispiel erst einmal mit dem Nägelkauen aufgehört hat, wird ein anderer Mensch sein, so wird versprochen - und nicht bloß ein Mensch mit schöneren Nägeln. Am Fingernagel also hängt der ganze Mensch. Oder an der Zigarette. Der Eifer, mit dem Raucher gewarnt oder geächtet werden, übertrifft häufig noch die Gefahren, die mit dem Rauchen verbunden sind. Der Rauch, einst Anzeiger göttlicher Gnade, kommt nun direkt aus der Hölle, wohin der Weg den Raucher führen wird. Wer gegen diesen Diskurs gefeit ist und trotzdem darüber nachdenkt, mit dem Rauchen aufzuhören, kann nun mit Alexander von Schönburg zum "Fröhlichen Nichtraucher" werden ("Der Fröhliche Nichtraucher". Wie man gut gelaunt mit dem Rauchen aufhört. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck 2003. 121 S., br., 7,90 [Euro]). Das Besondere an diesem Ratgeber ist, daß er die Aufgabe, für die er die Lösung bereitzuhalten verspricht, nicht als besonders schwer darstellt und sie so in metaphysische Höhen stemmt. Nein, ganz im Gegenteil, so sagt der Ratgeber, die Aufgabe ist im Grunde furchtbar leicht: Wer mit dem Rauchen aufhören will, muß einfach nur aufhören. Die Sucht? Die Gewohnheit? Alles eine Frage der inneren Einstellung. Die Zigarettenindustrie, die pharmazeutische Industrie, die Industrie der Ratgeber zum Abgewöhnen des Rauchens, wie von Schönburg selbstironisch anmerkt, sie alle profitieren davon, daß die Befreiung von der Sucht als unendlich schwer dargestellt wird. Schon wer es schafft, nach acht Stunden Schlaf noch einmal acht Stunden ohne Rauchen zu verbringen, hat den Kreis von Gewohnheit und Sucht bereits durchbrochen. Statt der zweifelhaften Wonnen des Nikotins kommt derjenige, der mit dem Rauchen aufhört, in einen ganz neuen, unerhörten Genuß: Er erfährt seine Willensstärke und kann daraus eine ungleich höhere Befriedigung beziehen als aus der Zigarette. Von Schönburgs Credo ist so einfach wie schlagend: Man muß nur wollen - und wird bald merken, daß man sich kaum mehr an das erinnert, was einem doch angeblich so sehr fehlen muß. All das wird schrittweise ausgeführt und mit konkreten Handlungshinweisen versehen. Die ganze Idee dieses Entzugs beruht auf einer konsequenten Entdramatisierung der Sucht, um alles Auratisch-Unzugängliche gar nicht erst in den Weg des Abgewöhnens treten zu lassen. Ebenso unterhaltsam wie beredt propagiert von Schönburg einen Hedonismus des Verzichts und der Willensstärke, der ganz ausgezeichnet zum soeben gefällten Grundsatzurteil über die Haftung für Gesundheitsschäden durchs Rauchen paßt. Am Ende aber nimmt von Schönburg dann doch einen tiefen Zug von innerweltlicher Erlösung: ein ontologischer Mehrwert und ein vitalistisches Prinzip zur Letztbegründung müssen doch wieder hinzugezogen werden. Da ist wieder von persönlicher Fortentwicklung, höherem Selbstbewußtsein und dem besseren Leben die Rede. Vielleicht ein geschickter Schachzug: Warten all diese hohen Werte der Selbstverwirklichung nicht auch darauf, in künftigen Ratgebern so weit von ihrer Aura befreit zu werden, bis nicht einmal die Köpfe mehr rauchen?

          MICHAEL JEISMANN

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