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: Nur Liebhaber sind fortschrittlich

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Eigentum verpflichtet, scheint sich der junge Bankierssohn gedacht zu haben, als er 1896 mit zweiundzwanzig Jahren ein Millionenvermögen von seinen Großeltern geerbt hatte. Der junge Karl Ernst Osthaus setzte sein Geld für die ästhetische Erziehung der Einwohner seiner Vaterstadt Hagen ein, die so zum Vorbild für ganz Deutschland werden sollte.

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          Eigentum verpflichtet, scheint sich der junge Bankierssohn gedacht zu haben, als er 1896 mit zweiundzwanzig Jahren ein Millionenvermögen von seinen Großeltern geerbt hatte. Der junge Karl Ernst Osthaus setzte sein Geld für die ästhetische Erziehung der Einwohner seiner Vaterstadt Hagen ein, die so zum Vorbild für ganz Deutschland werden sollte. Zu Beginn sammelte er naturkundliche und geologische Objekte sowie Kunstgewerbe. Dann regte ihn der Schlachtenmaler Rudolf Theodor Rocholl dazu an, Gemälde deutscher Künstler zu erwerben. Wenig später bekehrte ihn ein Artikel über Henry van de Velde zur Moderne. Osthaus engagierte den Künstler und Architekten umgehend für den Innenausbau seines Museums und gewann zugleich einen Berater, der ihn in den folgenden Jahren animierte, zum progressivsten Sammler seiner Zeit zu werden. In seinem Privatmuseum erhielten Cézanne, Van Gogh und Matisse erstmals in Deutschland museale Weihen.

          Osthaus gab sein Geld aber "nicht für Produkte, sondern auch und vor allem für Projekte aus" (Walter Grasskamp). Diese Projekte setzen heute im vom Krieg und Wiederaufbau zerstörten Hagen rare Akzente (F.A.Z. vom 19. Juli 2002) und umfassen nahezu alle Bereiche des Lebens. So wurde Osthaus zum kreativen Utopisten seiner Zeit - entsprechend seinem in einem Dramolett von 1915 formulierten Credo, daß "jeder Fortschritt in der Welt von Liebhabern ausgeht und alle nur wirtschaftlich Denkenden das verwerten, was jene schaffen".

          Nach abgebrochener kaufmännischer Lehre studierte Osthaus Literatur, Ästhetik und Philosophie, Architektur, Archäologie, Kunstgeschichte, Musik- und Naturwissenschaft - aufs neue ohne Abschluß -, ehe er sich nur noch seinen Projekten widmete. Die Stadt Hagen verwaltet heute seinen schriftlichen Nachlaß und pflegt die Erinnerung an seine Ideen, während man in Essen, wohin Osthaus' Erben die Kunst verkauften, bis heute nicht einmal seinen Sammeleifer oder seine Idee dokumentiert hat, als einer der ersten moderne und außereuropäische Kunst nebeneinander auszustellen.

          Neben dem Folkwang-Museum engagierte sich Osthaus vor allem für den Werkbund, den er mitbegründete, und für den "Sonderbund Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler", dessen bahnbrechende Ausstellung 1912 in Köln er wesentlich mitgeprägt hat. 1909 gründete er das "Museum für Kunst in Handel und Gewerbe", das mobil bleiben und in Wanderausstellungen seine Bestände als Anregung für das alltägliche Leben der Besucher zugänglich machen sollte. Er holte Künstler wie Jan Thorn Prikker nach Hagen, damit sie das ästhetische Niveau der ansässigen Handwerker verbesserten. Städteplanerisch versuchte er Hagen mit der Anlage einer Gartenstadt und einer Arbeitersiedlung auf den neuesten Stand zu bringen.

          Osthaus' Schriften und Reden, zum Teil an entlegenen Stellen publiziert, begleiteten diese Aktivitäten. 1894 stellte er - noch ganz im Fahrwasser von Julius Langbehn - die tümliche Frage: "Worin hat die Entfremdung unserer Malerei vom deutschen Volk ihren Grund?", um sodann jüdische Künstler dafür verantwortlich zu machen. Zwei Jahre später konstatierte er entsetzt, daß in Straßburg immer noch nicht "das welsche Eis vom deutschen Herzen" der Elsässer geschmolzen sei. Die Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst löste derart chauvinistische Flausen, auch wenn Osthaus in van de Velde den flämischen und damit einen den Niederdeutschen verwandten Künstler sah. Auch der Namen Folkwang, der sich auf den Palast der Fruchtbarkeitsgöttin Freya bezieht, zeigt seine anhaltende Begeisterung für pangermanische Ideologeme.

          1914 polemisierte Osthaus in mehreren in der "Frankfurter Zeitung" veröffentlichten Briefen dagegen, daß sich Ferdinand Hodler am internationalen Protest gegen die deutsche Beschießung der Kathedrale von Reims beteiligte hatte. Auch Maurice Maeterlinck beschimpfte er dabei aufs übelste. Van de Velde vereinnahmte er hingegen so sehr für die deutsche Kunst, daß dieser nach dem Krieg ernste Probleme mit seinen Landsleuten bekam. Es gehört zur Gespaltenheit dieser Generation, wenn der gleiche Osthaus eindrucksvoll von seinen Begegnungen mit Künstlern wie Cézanne, Renoir oder Rodin zu erzählen weiß. Auch seine Sammlungstätigkeit, die sich gerade nicht auf deutsche Kunst beschränkte, spricht eine andere Sprache.

          Der nun veröffentlichte Band mit seinen Schriften und Reden mußte einige Arbeiten wegen des schieren Umfangs aussparen, darunter die Van-de-Velde-Monographie von 1920. Vollständig enthalten ist dagegen die kunsthistorische Dissertation "Grundzüge der Stilentwicklung", mit der Osthaus, ein später Studienabschluß, 1918 in Würzburg promoviert wurde. In knapper Form versucht er hier von der ägyptischen Kunst bis zum Barock den in die Gesellschaft hinein wirkenden Aspekt der Kunst zu skizzieren, der sich vor allem in Architektur und Städtebau manifestiert. Natürlich spiegeln sich in all seinen Schriften die Erfahrungen mit und bei den eigenen Projekten. Die Zeitungsarchive Westfalens mögen noch so manchen, nur mit Kürzel gezeichneten Artikel von Osthaus bergen. Ungeachtet dessen liegt mit der Sammlung ein repräsentatives Panorama seines Schreiblebens vor.

          In den Jahren vor seinem Tod träumte Osthaus davon, das Folkwang-Museum zu einer Schule auszubauen. Von Bruno Taut ließ er dazu eine ganze Stadtanlage entwerfen. In Zeiten von Pisa klingen seine damaligen Vorstellungen von Erziehung nicht unaktuell: "Aller Unterricht wird darauf eingestellt sein, den Schüler nicht gelehrt oder ,berufstüchtig', sondern schöpferisch zu machen."

          ANDREAS STROBL

          Karl Ernst Osthaus: "Reden und Schriften". Folkwang - Werkbund - Arbeitsrat. Herausgegeben und kommentiert von Rainer Stamm. Mit einem Beitrag von Rainer K. Wick. Kontext. Schriftenreihe für Kunst, Kunsterziehung und Kulturpädagogik an der Bergischen Universität GH Wuppertal, Band 3. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2002. 280 S., 175 Abb., geb., 29,80 [Euro].

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