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: Nudisten schauen dich an

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Die objektiven Zufälle des Leserlebens hatten es so gefügt, dass ich "Du sollst begehren", Gustav Stirners schöne deutsche Übersetzung von Gay Taleses "Thy Neighbor's Wife" (1980), unmittelbar nach Tom Wolfes "The Bonfire of the Vanities" (1987) las. Die schriftstellerische Methode, deren die Autoren ...

          Die objektiven Zufälle des Leserlebens hatten es so gefügt, dass ich "Du sollst begehren", Gustav Stirners schöne deutsche Übersetzung von Gay Taleses "Thy Neighbor's Wife" (1980), unmittelbar nach Tom Wolfes "The Bonfire of the Vanities" (1987) las. Die schriftstellerische Methode, deren die Autoren des new journalism sich in ihren fiktionalen wie ihren nichtfiktionalen Büchern bedient haben, leuchtete plötzlich mit der (fast auch ein bisschen ernüchternden) Klarheit eines enttarnten Zaubertricks ein.

          Diese Autoren handhaben ein journalistisch interessantes, oft skandalöses Thema (oder einen Kriminalfall) als Sonde. Sie führen es in die komplizierten und verwirrenden Schichtungen des sozialen Gefüges ein. Ihr Ziel ist Komplexitätsreduktion. Ihre Bücher bringen die Ausprägungen, Auswirkungen und motivischen Verwandlungen eines bestimmten Themas in verschiedenen Klassen, Schichten, Mentalitäten und Milieus miteinander ins Spiel. Und daraus erklärt sich die einfache, aber fast unendlich effektive Darstellungsmethode des multiperspektivischen Erzählens, die Talese in seinem erotischen Recherchebuch über die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre so virtuos handhabt wie Tom Wolfe in seinem sozialanalytischen Thriller über die achtziger.

          Ganz am Schluss des Buchs von Talese tritt sein Autor mit einer manieristischen Wendung (wie Jean Paul in seinen Romanen) dann selbst als Figur im erzählten Geschehen auf. Der Autor, der plötzlich von sich selber in der dritten Person spricht, benennt das Thema des Buchs, das der Leser in der Hand hält (seines "wichtigsten Werks"): "Darin wollte er die Menschen und Ereignisse schildern, die in den letzten Jahren die Neudefinition der Sexualmoral in Amerika entscheidend beeinflusst hatten." Thema der monumentalen Recherche ist die amerikanische Gesellschaft der siebziger Jahre, betrachtet durch das soziologische Mikroskop der sexuellen Revolution.

          Offensichtlich ist aber auch die vielfältige Abhängigkeit dieser amerikanischen Realisten und Naturalisten des zwanzigsten Jahrhunderts von den französischen des neunzehnten. Das Paris Balzacs, Maupassants und Flauberts hat Walter Benjamin als die Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts erkannt. Das New York Tom Wolfes und Gay Taleses ist die des zwanzigsten. Wobei das erotische Babylon, das in "Du sollst begehren. Auf den Spuren der sexuellen Revolution" in all seinen Quartieren vor uns ausgebreitet wird, sich beileibe nicht auf die Stadt beschränkt, in die man als zum Ursprung dieser Bewegung in jedem Kapitel Taleses freilich immer wieder zurückkehrt.

          Sexualisierung der Konsumwelt.

          Rick Moody und Ang Lee haben mit "Der Eissturm" literarisch und filmisch gezeigt, dass zumindest die sexuelle Revolution die Vorstädte schon wenige Jahre nach ihrem Ausbruch erreicht hatte - und damit aber auch vorüber war. Heute, so wäre zu ergänzen, sind ihre Errungenschaften so allgemein verbreitet und akzeptiert wie der Code Napoléon nach den Revolutionskriegen. Noch in den fünfziger Jahren konnte Oralverkehr zwischen Erwachsenen in Ohio mit lebenslanger Zwangsarbeit bestraft werden (für Sex mit Tieren lag die Höchststrafe bei fünf Jahren).

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