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Norbert Bolz: Diskurs über die Ungleichheit : Gegen Mittelmaß und Durchschnitt zu sein reicht nicht

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Norbert Bolz ist ein Zeitgeist-Roadie. Wo auch immer die Karawane des Gerade-Angesagten ihre Bühne errichtet, ist er zur Stelle und baut hurtig seine kleine, private Beschallungsanlage auf. Schon damals, beim dekonstruktivistischen Woodstock, als der Postmodernismus die Aufklärungsmythen zerstörte und die Vernunft pluralisierte, war er dabei. Als französische Medienphilosophien dann gegen Ordnungsdenken und robusten Realismus zu Felde zogen, marschierte auch Bolz mit und verkündete der Welt, dass sie nur Chaos und Simulation sei. Als Computer und elektronische Technologie die geistigen Produktionsverhältnisse und die sozialen Verständigungsverhältnisse veränderten, rief Bolz das Ende der Gutenberg-Galaxis aus, noch bevor Google sich daranmachte, ein digitales Alexandria zu errichten.

          Als alle Welt von der Globalisierung, von E-Commerce und Dotcom-Firmen redete, redete auch Bolz davon und untersuchte die Weltkommunikation und die Wirtschaft des Unsichtbaren. Und als die Gesellschaft des aufdringlichen Diesseits ein wenig überdrüssig wurde und ein vorsichtiges Interesse an den Zumutungen des Religiösen entwickelte, sah auch Bolz sich veranlasst, sich über das Wissen der Religion zu verbreiten und uns über seine religiöse Unmusikalität zu unterrichten.

          Antiegalitaristische Polemik

          Und jetzt also der Sozialstaat, die Gleichheit und die Gerechtigkeit. Damit auch niemand die Anspielung des Haupttitels übersieht, hat Bolz es im Untertitel ausdrücklich gemacht: Mit Rousseau will er sich messen, einen „Anti-Rousseau“ will er schreiben. Aber das misslingt bereits im Ansatz: Denn Rousseaus Vorstellungen einer sich selbst regierenden republikanischen Bürgerschaft können von Bolz' antiegalitaristischer Polemik, von seinem Wettern gegen Einkommensgleichheit und feministische Absurditäten, gegen Verteilungsgerechtigkeit und wohlfahrtsstaatliches Neidregime nicht getroffen werden. Friedrich der Große war da mit seinem „Anti-Machiavel“ wesentlich treffsicherer. Auch Anselm von Feuerbachs kantianisierender „Anti-Hobbes“ war eine genauer adressierte Streitschrift.

          Bolz' antiwelfaristisches Pamphlet ist aber als „Anti-Rousseau“ gänzlich fehladressiert. Sicherlich, Rousseau ist kein Liberaler, erst recht kein Apostel des ungehemmten Wettbewerbs. Rousseau ist ein Republikaner, ein Anhänger der Ethik der Alten und der einfachen Lebensverhältnisse. Der heutige Wohlfahrtsstaat wäre ihm ein Greuel; seine leviathanische Betreuungsbürokratie würde ihn entsetzen, transferzahlungsunterfütterte Unselbständigkeit wäre für ihn ein ethischer Skandal.

          Die Ungleichheit, deren Ursprung und Grundlagen Rousseau in seinem Diskurs von 1755 untersucht, ist vordringlich die politische Ungleichheit einer illegitimen Herrschaft. Die Gleichheit, um die es ihm geht, ist die demokratische Gleichheit zwischen Beherrschten und Herrschenden. Bemerkungen über die desaströsen Auswirkungen einer sozio-ökonomischen Spaltung der Gesellschaft gelten lediglich den Verwirklichungsbedingungen einer solchen Selbstregierungsutopie.

          Ausgeschütteter Zettelkasten

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