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: Noch 'n Gedicht

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"Die Beurteilung zeitgenössischer Lyrik begeht fast durchweg den Fehler, nur auf das jeweilige Land und auf die letzten zwanzig oder dreißig Jahre zu achten", schrieb Hugo Friedrich 1956 im Vorwort zu seinem Klassiker "Die Struktur der modernen Lyrik". Zumindest einen dieser zwei Fehler macht Steffen Jacobs, ...

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          "Die Beurteilung zeitgenössischer Lyrik begeht fast durchweg den Fehler, nur auf das jeweilige Land und auf die letzten zwanzig oder dreißig Jahre zu achten", schrieb Hugo Friedrich 1956 im Vorwort zu seinem Klassiker "Die Struktur der modernen Lyrik". Zumindest einen dieser zwei Fehler macht Steffen Jacobs, Lyriker und Herausgeber von Anthologien, in seinem soeben erschienenen "Lyrik-TÜV" nicht, wählt er doch aus dem vergangenen Jahrhundert pro Jahrzehnt einen Gedichtband eines deutschsprachigen Autors aus. Seine Analysen haben allerdings wenig mit denen Friedrichs gemeinsam, die man heute immer noch zu Rate ziehen kann.

          Der "Lyrik-TÜV" entspringt eher einem Evaluationsdenken, wie es heute in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, von der Hochschule bis zum Kindergarten, grassiert. Die ausgewählten Gedichte, so ist im Vorwort zu lesen, werden daraufhin untersucht, inwiefern sie dem "Zahn der Zeit" getrotzt haben, ob sie noch gelesen oder besser vergessen werden sollten. Gedichtbände seien von Zersetzung bedroht, die Bedeutung vieler großer Dichter rühre eher vom isolierten, wiederholten Abdruck einzelner Gedichte in Anthologien her, weniger von der Qualität der Gedichte. Dichterruhm, so erfährt man, hat sich meistens über Plakativität und größtmögliche Übereinstimmung mit dem Zeitgeschmack verfestigt.

          Jacobs stellt die Gedichte nun zur Prüfung zurück in ihren Werkkontext. Welche weiteren Kriterien zur Anwendung kommen sollen, bleibt vorerst im Dunkeln. Stattdessen prüft der Sachverständige munter drauflos, nicht ohne vorher die Warnung auszusprechen, man werde auf diesem Parforceritt durch ein Jahrhundert "nicht nur großen Dichtern, auch großen Scharlatanen" begegnen. Mit Wilhelm Buschs "Zu guter Letzt" (1904) beginnend, endet der Band mit Durs Grünbeins "Falten und Fallen" (1994). Dazwischen stehen Kapitel zu "Der Stern des Bundes" (1914) von Stefan George, "Die Sonette an Orpheus" (1923) von Rainer Maria Rilke, "Adel und Untergang" (1934) von Josef Weinheber, zu Gottfried Benns "Statischen Gedichten" (1948), Peter Rühmkorfs "Irdisches Vergnügen in g" (1959), Hans Magnus Enzensbergers "blindenschrift" (1965), Harald Hartungs "Das gewöhnliche Licht" (1976) und Robert Gernhardts "Körper in Cafés" (1987).

          Durch das von Jacobs angelegte Raster, das einen Band pro Jahrzehnt vorsieht, fallen allerdings Lyriker aus der Kartei heraus, die zu einer repräsentativen Einschätzung der Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts zwingend gehörten. Es fehlen Autoren wie Bertolt Brecht, Paul Celan, Ernst Jandl oder Rolf Dieter Brinkmann. Kein Kapitel ist überdies einer Lyrikerin gewidmet, als wäre von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Unica Zürn, Friederike Mayröcker oder Ingeborg Bachmann kein einziges Gedicht mehr von Bedeutung. Das macht stutzig, besonders angesichts der von Jacobs erkorenen Dichter. Dass sich die Geprüften dann auch noch zu einem guten Teil als Scharlatane entpuppen sollen, steigert das Misstrauen.

          Den Irrwitz offenbaren aber erst die Prüfkriterien. Biographische Details und psychoanalytische Platituden müssen herhalten, um den Zusammenhang zwischen frühkindlichen, selbstredend traumatischen Erfahrungen der Lyriker und dem Ton ihrer Gedichte herzustellen. Stefan Georges Mutter Eva mit ihrem "breiten, schmalen, fest zusammengepressten Mund", die den Sohn niemals geküsst habe, ist schuld daran, "dass George sein Leben lang größte Schwierigkeiten hatte, in einen gleichberechtigten Gefühlsaustausch mit anderen zu treten". Georges Poetologie und sein Kreis werden salopp zu einer Ausgeburt des Narzissmus erklärt, ohne Würdigung der Georgeschen Sprachkunst und ohne auf dessen Übertragungen von Shakespeare bis Baudelaire auch nur hinzuweisen. Jacobs' Spekulation, es habe an "Georges Schule der Unterwürfigkeit und Hörigkeit" gelegen, dass Stauffenbergs Attentat auf Hitler missglückte, trifft nicht nur den Dichter, sondern auch den Erschossenen.

          Allerorten wittert der Prüfer vom Lyrik-TÜV neben Pathologien auch sprachliches Unvermögen. Beckmesserisch wirft er etwa Rilke die Verwendung des Reimes "verwettern - klettern" vor: "Weil sich's halt reimen muss, wird aus der verwitterten Fassade flugs eine ,verwetterte', und glauben Sie bitte nicht, ,verwettert' sei ein üblicher Ausdruck der damaligen Zeit. Eben habe ich auf meiner binären Schreibmaschine eine sogenannte Volltextsuche in einem Sammelwerk namens ,Die digitale Bibliothek der deutschen Lyrik' in Gang gesetzt, das immerhin 35 000 Gedichte aus fünf Jahrhunderten enthält. Zu dem Suchwort ,verwettert' fanden sich Fundstellen: keine. Ich wettere darauf, dass besagtes Wörtchen eine Spezialität Rilkes ist." Ein Griff zum Grimmschen Wörterbuch, das ja inzwischen ebenfalls online verfügbar ist, hätte hier schon weitergeholfen: Unter "verwettern" findet sich dort: "Seit dem 16. jh. als ableitung von wetter: dem wetter ausgesetzt sein."

          Diese halbherzige Recherche verrät nicht nur eine gewisse Voreingenommenheit, sondern auch das Hausbackene dieses TÜVs, das schöpferische und stilisierende Bewegungen der poetischen Sprache nicht anerkennt und demzufolge - dies immerhin konsequent - einem Pfannkuchengedicht von Wilhelm Busch den Vorzug etwa vor den "Sonetten an Orpheus" gibt. Die Ergebnisse solcher Prüfungen sind vorhersehbar.

          Hinter der Hemdsärmeligkeit, mit der Jacobs sein Geschmacksurteil zur Schau stellt, schimmern Ressentiments durch, die selbst seine Apologien in ein zweifelhaftes Licht rücken. Man hat manches über die Vorlieben dieses TÜV-Beauftragten erfahren, dazu etwas über die psychische Disponiertheit und sexuellen Vorlieben einiger bedeutender Dichter (was man gar nicht hat wissen wollen), aber kaum etwas darüber, was Gedichte zu gelungenen, ihre Zeit überdauernden Kunstwerken macht.

          BEATE TRÖGER

          Steffen Jacobs: "Der Lyrik-TÜV". Ein Jahrhundert deutscher Dichtung wird geprüft. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2007. 349 S., geb., 28,50 [Euro].

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