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: Nilpferd glänzt vor Mammut

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Mit dem nun vorliegenden vierten Band der Korrespondenz zwischen Adorno und Horkheimer ist die Ausgabe abgeschlossen. Sie umfasst mehr als vierzig Jahre Zeitgeschichte und bietet etliche Überraschungen. Die Korrespondenz zwischen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer umfasst mehr als vierzig Jahre ...

          Mit dem nun vorliegenden vierten Band der Korrespondenz zwischen Adorno und Horkheimer ist die Ausgabe abgeschlossen. Sie umfasst mehr als vierzig Jahre Zeitgeschichte und bietet etliche Überraschungen. Die Korrespondenz zwischen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer umfasst mehr als vierzig Jahre Zeitgeschichte und ist allein schon deshalb höchst aufschlussreich und immer wieder für Überraschungen gut. Den ersten Brief der nun in vier Bänden vorliegenden Sammlung, die in bewährter Weise Christoph Gödde und Henri Lonitz vom Adorno-Archiv herausgegeben und annotiert haben, schreibt Horkheimer im Herbst 1927 an den "lieben Herrn Wiesengrund"; der letzte, den Adorno wenige Tage vor seinem überraschend frühen Tode an Horkheimer schickt, datiert vom 31. Juli 1969. Insgesamt hat die Korrespondenz dieser beiden Hauptrepräsentanten jener Sozialtheorie, die als Frankfurter Schule um die Welt ging, den gewaltigen Umfang von 1060 Briefen.

          Neben ihrem biographischen Wert spiegeln diese Briefe Entwicklungen, Wandlungen und Wirkungen des philosophischen und politischen Denkens dieser älteren Generation kritischer Theorie. Adorno, dem man fälschlich politische Blindheit nachgesagt hat, sagt schon zu Beginn des Jahres 1938 in einem Brief voraus, dass es zum Krieg kommen wird und "in Deutschland die noch vorhandenen Juden ausgerottet werden: denn als Enteignete wird kein Land der Welt sie aufnehmen". Horkheimer zögert nicht, zu schreiben, dass der Antisemitismus "die Frage der gegenwärtigen Gesellschaft" sei. Beide bekunden in ihren Briefen Einigkeit darüber, dass für die Klärung dieser Frage, also für die Analyse des Zusammenhangs von Totalitarismus und Antisemitismus, die Weiterentwicklung der eigenen Gesellschaftstheorie unbedingte Voraussetzung sei. Als Kritik der instrumentellen Vernunft verdankt sich dieses neue Theoriekonzept nicht zuletzt den Dialogen der Briefpartner seit den vierziger Jahren.

          In der Korrespondenz zeigt sich nicht nur, wie eng das Netzwerk persönlicher Beziehungen war. Vielmehr wird auch sichtbar, welche tiefsitzenden Animositäten es zwischen jenen Personen gegeben hat, die in einer Beziehung zum Institut für Sozialforschung beziehungsweise zu seinem Direktor Horkheimer standen. Kein Zweifel, er hatte großes Geschick darin, sich die Eifersüchteleien zunutze zu machen. Auch wenn Adorno eine gewisse, vielleicht gespielte Naivität im Hinblick auf die horkheimerschen Strategien, seiner Sympathie- und Antipathiebekundungen an den Tag gelegt hat. Er scheute keineswegs davor zurück, andere dann zu diffamieren, wenn er ihre theoretische Position glaubte ablehnen zu müssen, mit der Qualität der literarischen Produkte nicht einverstanden war oder die Befürchtung hegte, den Kürzeren bei Horkheimer zu ziehen.

          Während er Walter Benjamin und auch Alfred Sohn-Rethel dem skeptisch gesinnten Horkheimer gegenüber verteidigt, nimmt er im Fall der anderen Mitstreiter kein Blatt vor den, sei es ironischen, sei es sarkastischen Mund. So erklärt er, Siegfried Kracauer sei ein "schwieriger Fall", ja sogar "verrückt"; dessen Buch über den Komponisten Jacques Offenbach halte er für "ein starkes Stück Konformismus und Rückständigkeit". Leo Löwenthal handhabe die "Kategorie des dialektischen Materialismus in einer Weise, die der roten Tinte des Lehrers nicht ganz unähnlich sieht". Und Herbert Marcuse sei schlicht ein durch Judentum verhinderter Faschist.

          Solche offen bekundeten Invektiven stehen im krassen Widerspruch zu der Überzeugung Adornos, die er Horkheimer in einem Brief vom September 1941 zum Ausdruck bringt, er könne nicht verstehen, "dass ein Mensch, der spricht, ein Schurke sein oder lügen soll". Im Hintergrund dieser Bemerkung steht die Meinung: "Die Rede an einen richten heißt im Grunde, ihn als mögliches Mitglied des zukünftigen Vereins freier Menschen anzuerkennen."

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