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Niels Werber: Ameisengesellschaften : Im Superorganismus wird immer kommuniziert

Bild: S. Fischer Verlag

Wo sie nicht überall herumkrabbeln: Niels Werber zeigt, wie das Ameisennest zum Medium der Beschreibung moderner Gesellschaften wurde.

          5 Min.

          Die Faszinationsgeschichte der Ameisen reicht weit zurück. Man kann sie mit Aristoteles beginnen oder auch mit den Sprüchen Salomons. Und mit den jüngsten Filmen, Monographien und Romanen, die sich um Ameisen drehen, ist sie auch sicher nicht zu Ende. Dazu ist der Reiz offenbar zu groß, die ameisenhaften Formen der Sozialität mit unseren eigenen abzugleichen, zwischen den „Gesellschaften“ der Ameisen und unserer eigenen den Blick hin und her gehen zu lassen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wobei diese Faszination daran hängt, dass die Ameisen mit einfacheren Mitteln zu so erstaunlichen Leistungen sozialer Koordination gefunden zu haben scheinen, wie sie Menschen erst Hunderte von Millionen Jahren später im Medium kultureller Entwicklung hervorgebracht haben. Es ist eine Faszination, die beides gestattet: Eigenschaften der Ameisengesellschaften als vorbildlich hinzustellen und sie als Schreckbild zu verwenden.

          Die Natur der Gesellschaft

          Richtig in Fahrt kamen diese Abgleichungen zwischen den Ameisen- und Menschengesellschaften allerdings erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Bis dahin stachen die Ameisen aus dem politisch-moralischen Bestiarium nicht besonders hervor, konnten zum emblematischen und fabelnden Zweck durchaus im Singular auftreten. Dann aber wurde ihr überwältigender Plural wesentlich, ihre Bestimmung als soziale, Gesellschaften und „Staaten“ bildende Tiere, unter die sie schon Aristoteles gereiht hatte. Der Abgleich mit ihnen zielte nicht mehr vorrangig auf eine Natur des Menschen, sondern auf jene der Gesellschaft.

          Es war, um es gleich mit Niels Werber zu formulieren, der Übergang zu einer entomologisch-soziologischen Wechselwirtschaft: Moderne menschliche Massengesellschaften konnten nun als ameisenhaft beschrieben werden, während umgekehrt die Ameisenforscher soziologische Modelle ebendieser Gesellschaften in ihre Beschreibungen der Ameisennester implementierten.

          Es ist diese Wechselwirtschaft, der das Augenmerk des Siegener Literaturwissenschaftlers in seinem neuen Buch gilt. Er ist natürlich nicht der Erste, dem Verfahren ins Auge stechen, das Leben in den Ameisennestern - Jagdzüge, Territorialerweiterungen und Sklavenbeschaffung eingeschlossen - auf vielfältige Weise zum Spiegel gesellschaftlicher oder auch nationalstaatlicher Verhältnisse zu machen.

          Evidenzen ganz nach Wunsch

          Aber Werber bescheidet sich nicht damit, diese Spiegelungen lediglich als vorschnelle Naturalisierungen vor Augen zu führen (die sie freilich sind). Solche mittlerweile etwas zu leichtgängige Entlarvung rückt er in den Hintergrund, um an einigen hervorstechenden Beispielen die Evidenzen genauer ins Auge zu fassen, die für die moderne Wechselwirtschaft von Myrmekologie und Soziologie in Anspruch genommen werden.

          Denn interessant an diesen Evidenzen wie den aus ihnen gezogenen Beschreibungen von Gesellschaft ist ja nicht zuletzt, dass sie so unterschiedlich ausfallen. Das zeigt schon der erste zeitliche Schnitt, mit dem Werber operiert, indem er Texte aus den dreißiger Jahren nebeneinanderstellt: einen eher beiläufig anmutenden Verweis von Carl Schmitt auf den Termitenstaat, wie ihn ein zeitgenössischer Entomologe zu politischen Zwecken ins Spiel gebracht hatte, Ernst Jüngers Typologie des „Arbeiters“ als Figur des angekündigten endgültigen Abräumens aller bürgerlichen Bestände, Aldous Huxleys biopolitische Abschreckungsprognose in „Brave New World“ und Olaf Stapledons Anverwandlung des bereits vor dem Ersten Weltkrieg aufgebrachten Konzepts des Ameisennests als Superorganismus in „Last And First Man“.

          Schmitt und den Amateur-Entomologen Jünger mag man dabei noch halbwegs auf einen Nenner bringen: die sozialen Insekten als Naturform der absoluten funktionalen Typisierung, in der kein Freiraum für individuelle „bürgerliche“ Extravaganzen ausgespart ist. Schmitt sieht in dieser „organischen Preisgabe der Individualität“ hübsch paradox eine biologische Lösung der sozialen Grundfrage - so wie sein entomologischer Gewährsmann in der freiwilligen Unterwerfung unters Gemeinwohl den deutschen Führerstaat aufgehen sieht, dagegen die Zwangsmechanik des Termitenstaats dem Bolschewismus vorbehält. Während der demonstrative Antibürger Jünger mit seinem Zeittypus des „Arbeiters“ genau diesen Wegfall jeden „Anspruchs auf Eigenart als unbefugte Äußerung der privaten Sphäre“ mit Gusto als posthistorisches, also in gewisser Weise wieder naturhaft gewordenes Regime beschwört.

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