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: Nichts ist unmöglich

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Geheimdienste pflegen gelegentlich aus dem Ruder zu laufen. Dagegen sind selbst gestandene Demokratien nicht gefeit. Was aber, wenn Geheimdienste zum Synonym für ein Regierungssystem schlechthin werden? Dann geschieht das, was dem vermeintlich neuen Russland einen kaum länger nur schleichenden Rückfall in Zeiten sowjetischen Angedenkens beschert.

          Geheimdienste pflegen gelegentlich aus dem Ruder zu laufen. Dagegen sind selbst gestandene Demokratien nicht gefeit. Was aber, wenn Geheimdienste zum Synonym für ein Regierungssystem schlechthin werden? Dann geschieht das, was dem vermeintlich neuen Russland einen kaum länger nur schleichenden Rückfall in Zeiten sowjetischen Angedenkens beschert. Wladimir Putin bekennt sich nicht nur stolz zu seiner eigenen KGB-Vergangenheit, will sich nicht nur weiterhin als "Tschekist" verstanden wissen. Er hat überdies nahezu alle bedeutsamen Posten in Politik und Wirtschaft mit Männern aus dem ihm so vertrauten Milieu besetzt. Allerdings darf vermutet werden, dass auch ihn längst die Frage nach wirksamer Kontrolle über ein Netzwerk bewegen muss, das nach Darstellung eines ehemaligen Insiders schier undurchdringlich ist. Unter dem Dach des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB), der Nachfolgeorganisation des Komitees für Staatssicherheit (KGB), habe sich - so der Autor dieses Buches - ein beklemmender Wirrwarr geheimdienstlicher Querverbindungen zu "wirtschaftskriminellen Banden" und "Brigaden von Auftragskillern" gebildet.

          Der besagte Insider lebt nicht mehr. Alexander Litwinenko, vormals Oberstleutnant im FSB, starb am 23. November 2006 an einer tödlichen Dosis des radioaktiven Schwermetalls Polonium-210 in seinem Londoner Exil. Mutmaßlicher Mörder soll nach Ermittlungen der britischen Staatsanwaltschaft der unbehelligt in Moskau lebende frühere KGB-Agent Andrei Lugowoi sein. Das Opfer war nach Eintritt seiner Erkrankung freilich noch weitergegangen und hatte den russischen Präsidenten persönlich für den Anschlag verantwortlich gemacht. Welche Gründe Putin dafür gehabt haben könnte, hat Litwinenko in detaillierten Aufzeichnungen darzulegen versucht, die unter der Mitautorenschaft des in Amerika lebenden russischen Historikers Yuri Felshtinsky in aktualisierter Fassung nun erst nach seinem Tod erschienen sind.

          Die darin erhobenen Anschuldigungen muten erschreckend an, werden in mindestens einem Fall aber recht überzeugend belegt: Im September 1999, zwei Wochen nach der Berufung des damaligen Geheimdienstchefs Putin zum Ministerpräsidenten, kommen bei Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und anderen russischen Städten nahezu dreihundert Menschen ums Leben. Die Untaten sollen das Werk des FSB mit dem Ziel gewesen sein, sie den Tschetschenen anzulasten und so den Vorwand für einen zweiten Krieg gegen die abtrünnige Kaukasus-Republik zu schaffen - einen Krieg, in dem sich Putin als künftiger Präsident Russlands habe profilieren wollen. Tatsächlich wurde er zum Jahreswechsel von dem damaligen Kremlherrn Boris Jelzin zu dessen Nachfolger eingesetzt und dann im März 2000 bei Wahlen, vor denen sich Putin als oberster Kriegsherr im Kampf gegen die unbotmäßigen Tschetschenen feiern ließ, in seinem Amt mit großer Mehrheit bestätigt.

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