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: Nicht für die Wissenschaft, für das Leben lehren wir

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Eric Hobsbawm ist einer der namhaftesten Historiker der Gegenwart. Seine Wirkung auf das Fach begann mit wegweisenden Publikationen aus den fünfziger Jahren über Außenseiter, setzte sich fort mit einer Geschichte des Zeitalters der Revolutionen, ging über die sprichwörtliche "Erfindung der Tradition" ...

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          Eric Hobsbawm ist einer der namhaftesten Historiker der Gegenwart. Seine Wirkung auf das Fach begann mit wegweisenden Publikationen aus den fünfziger Jahren über Außenseiter, setzte sich fort mit einer Geschichte des Zeitalters der Revolutionen, ging über die sprichwörtliche "Erfindung der Tradition" bis hin zum "Zeitalter der Extreme", einer viel beachteten Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Seine professionelle Biographie ist zum größten Teil also die eines Historikers, der damit beschäftigt ist zu schreiben oder Material für das Schreiben zu finden. Seine Autobiographie aber, die soeben unter dem Titel "Gefährliche Zeiten" erschienen ist, kann nicht als die eines Mannes gelten, der als Fachhistoriker hinreichend beschrieben wäre. Gerade einmal ein einziges Kapitel widmet Eric Hobsbawm der Geschichtswissenschaft im engeren Sinn mit ihren Methoden, Polemiken und Schulbildungen. Es heißt "Unter Historikern" und läßt an den Aufenthalt unter einem besonderen Menschenstamm denken - was ja auch gar nicht so falsch ist. Sonst aber steht in dieser ungewöhnlichen Lebenserzählung eines Historikers, der "B-Seite des Zeitalters der Extreme", wie der Jazzliebhaber Hobsbawm in einer sympathischen Synästhesie verschiedener Lebenssphären schreibt, nicht die Wissenschaft im Vordergrund, sondern das Leben. Nicht gerade das Leben im dionysischen Sinn Nietzsches, sondern vielmehr in einem eminent politischen Sinn, verstanden als Teilhabe an den großen Konflikten der Gegenwart, in denen Stellung zu beziehen nicht nur eine fast lebenspraktische Selbstverständlichkeit, sondern auch einer der stärksten geistigen Impulse war, der eine gewisse Lebensfreude nicht ausschloß.

          Der Index der Autobiographie spricht für sich: Er umreißt von Hortensia und Salvador Allende über Enrico Berlinguer, Wolf Biermann, Bob Dylan, Gabriel García Márquez, Olof Palme, den Rolling Stones bis zu Andy Warhol und Women's Liberation einen kulturellen Kosmos, in dem Protest, politisches Engagement und Künstlertum eine enge Verbindung eingingen. Sie wirkt heute vielleicht etwas fremd und ferngerückt, naiv gelegentlich und voller maßloser Selbstüberschätzung. Aber sie gab einer geistigen Welt die Richtungen an und beflügelte zu außerordentlichen Leistungen. Sie konnte wohl Gefahr laufen, dogmatisch zu werden, aber in der Weite und Internationalität, wie Eric Hobsbawm sie sich erschloß, war diese Existenz als politischer Zeitgenosse mehr als ein Abenteuer: Sie war notwendig, weil die Zeiten, die Hobsbawm erlebte, wirklich gefährliche Zeiten waren - zumal für einen jüdischen Intellektuellen - und politisches Bewußtsein forderten, wenn man Entscheidungen für sein Leben zu treffen hatte.

          Eric Hobsbawms Autobiographie ist die spannende Erzählung einer Selbstbehauptung, die auch darin bestand, den Idealen des Kommunismus und den Impulsen des Marxismus auf die Geschichtswissenschaft selbst dann nicht abzuschwören, als die Barbarei des real existierenden Sozialismus offen zutage trat und viele Intellektuelle seiner Generation zu eifernden Renegaten wurden. Wie das? War Hobsbawm herzlos oder verblendet? Nein, nichts dergleichen. Die Geschichte der Motive, die Hobsbawm zu seiner Beharrlichkeit bewogen, enthält einen Kern der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts selbst.

          Wer beginnt, diese Motive zu verstehen, hat das politische zwanzigste Jahrhundert in einem seiner wesentlichen Elemente begriffen. Die "Gefährlichen Zeiten" erzählen davon, wie eng Denken und Leben miteinander verbunden sind, wie man bei allen Wechselfällen des Schicksals immer noch seine eigene Entscheidung suchen kann - eine fast antimaterialistische, existentialistische Pointe in der Selbstbeschreibung eines Historikers, der die Schule des Historischen Materialismus bestens kennt. Hobsbawms Suche nach der eigenen Vergangenheit, nach dem "verschütteten Fremden", zu dem man für sich selbst aus einem Abstand von achtzig Jahren wird, beginnt mit einem Foto, mit zweien genauer gesagt.

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