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: Nicht an den Idealen, sondern an den Kompromissen entscheidet sich die Politik

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Der Kompromiss ist ein vernachlässigtes Thema im philosophischen Diskurs. Wo leuchtende Ideale das Maß der Dinge sind, sehen Zugeständnisse ziemlich alt und schäbig aus. Kompromisse versteckt man lieber in den dunklen Winkeln des Denkens. Von dort hat sie jetzt der israelische Philosoph Avishai Margalit hervorgeholt.

          Der Kompromiss ist ein vernachlässigtes Thema im philosophischen Diskurs. Wo leuchtende Ideale das Maß der Dinge sind, sehen Zugeständnisse ziemlich alt und schäbig aus. Kompromisse versteckt man lieber in den dunklen Winkeln des Denkens. Von dort hat sie jetzt der israelische Philosoph Avishai Margalit hervorgeholt. Margalit, der als Emeritus der Hebräischen Universität Jerusalem heute in Princeton forscht und lehrt, hat ein erhellendes kleines Buch über ein oft vernachlässigtes, aber eminent wichtiges Feld der Moralphilosophie geschrieben.

          Darin geht es weniger um persönliche als um politische Kompromisse. Doch auch wenn Avishai Margalit, der das narrative Philosophieren liebt, seine Argumente mittels historischer Beispiele aus der Welt des Politischen entfaltet - zwischen den Zeilen spricht sein Buch, das aus Margalits Tanner Lectures an der Stanford University hervorgegangen ist, immer unmittelbar zum Leser, in dessen Leben als Bürger und Nächster hinein. Er argumentiert mit rhetorischer Kraft, ohne dabei in ermüdenden Predigtton abzugleiten, ein Moralist ganz ohne moralinsaure Attitüden.

          Für Margalit gehört der Kompromiss ins Zentrum philosophischer Reflexion. Schließlich bekommen wir meistens nicht genau das, was wir wollen und wie wir es wollen. An die Stelle der Priorität tritt ein Zweitbestes. Wir müssen uns mit weniger zufriedengeben, so ist das Leben. Darum, so Margalit, sollten wir viel stärker anhand unserer Kompromisse beurteilt werden als anhand unserer Ideale und Normen. "Ideale können uns etwas Wichtiges darüber sagen, was wir gern wären. Kompromisse aber verraten uns, wer wir sind."

          Dabei ist schon der Begriff ambivalent. Manchmal erscheint ein Kompromiss als Ausdruck guten Willens, erhält oder ermöglicht Frieden und freundschaftliche Beziehungen. Dann wieder signalisiert ein Kompromiss ängstliches Einknicken und fehlendes Rückgrat, Korrumpierbarkeit und mangelnde Prinzipientreue. Ist der Kompromiss per se also gut oder schlecht? Margalits Antwort hat selbst Kompromisscharakter: Es kommt darauf an. Kompromisse sind unentbehrlich für das soziale Leben. Wenn es aber faule sind, können sie für ein Gemeinwesen tödlich sein. Was unterscheidet einen faulen Kompromiss von einem bloß schlechten, schlampigen oder schäbigen? Diese Frage zieht sich durch das ganze Buch. Die Antwort lässt sich in einer knappen Definition auf den Punkt bringen. Ein fauler politischer Kompromiss ist für Avishai Margalit einer, der ein unmenschliches Regime etabliert oder aufrechterhält, eine Herrschaft der Grausamkeit und Erniedrigung. Kurz: ein Regime, das Menschen nicht als Menschen behandelt. Wo Menschen nicht menschlich behandelt werden, brechen die Fundamente des Moralischen weg, sind menschliche Beziehungen nicht mehr möglich.

          Faule Kompromisse sind nie zu rechtfertigen, auch wenn sie unter Umständen entschuldbar sein mögen oder zumindest verstanden werden können. Doch wie steht es um einen Kompromiss, der um des lieben Friedens willen eingegangen wird? Darf dafür ein Stück Gerechtigkeit preisgegeben werden? Oder kann nur der gerechte Friede den Kompromiss rechtfertigen? Die Fragen, die Avishai Margalit formuliert, lassen einen nicht los, auch wenn das Buch längst zugeklappt ist.

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