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Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels : Alle zwei Stunden eine Brautverbrennung

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Bild: Verlag

Reportagen des Grauens: In ihrem Buch „Die Hälfte des Himmels“ zeigen Nicholas Kristof und Sheryl WuDunn das unfassbare Leid und die erstaunliche Courage vieler Frauen in den Entwicklungsländern.

          Dieses Buch ist ein Ereignis. Das bezieht sich nicht nur auf den Rummel, der vor einem Jahr das Erscheinen des amerikanischen Originals begleitete: Die „New York Times“ widmete dem Manifest der beiden einflussreichen Autoren - mehrfache Pulitzer-Preisträger, die aus eigener Anschauung bestens mit der humanitären Situation in Afrika, Asien und Lateinamerika vertraut sind - eine komplette Ausgabe ihres Magazins. George Clooney, Angelina Jolie, Melinda Gates, Khaled Hosseini verfassten Elogen. Gestandene Kritiker wie Carolyn See von der „Washington Post“ warfen jede Neutralität über Bord - „Ich glaube wirklich, dass dies eines der wichtigsten Bücher ist, das ich je rezensiert habe“ - und befahlen schlichtweg: „Keep reading!“ Aus dem Stand heraus gelangte „Half the Sky“ in die amerikanischen Bestsellerlisten.

          Nun liegt das Kompendium über das Martyrium von Millionen Frauen in den ärmsten Regionen der Welt auch auf deutsch vor. Das Buch ist Ereignis noch in einem sehr viel direkteren Sinn. Es ereignet sich, wie wenige Bücher das tun: Einmal geöffnet, will es um keinen Preis mehr zwischen die beiden Buchdeckel passen. So sensationell die Reportagen sind, so beeindruckend die Eleganz ist, mit der Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn massenhaft länderspezifische Informationen verarbeitet haben, ohne dass je die Spannung nachließe - man folgt dieser bedrückenden Reise um die Welt tatsächlich atemlos -, die Besonderheit dieses Buches bildet seine operationale Basis. Die Biologin Rachel Carson hat 1962 ihr Sachbuch „Der stumme Frühling“ vorgelegt, die Initialzündung der weltweiten Umweltbewegung. Von diesem Format ist auch „Die Hälfte des Himmels“. Alles deutet hier auf Transgression: Es gibt eine Zeit zum Daten sammeln, es gibt eine Zeit zum Bücher lesen und es gibt eine Zeit zum Eingreifen. Und jetzt, dafür werfen die Autoren alles in die Waagschale, sei die Zeit reif für eine „neue Emanzipationsbewegung“.

          Aus dem Weg zu räumen

          Abolitionisten wollen sie um sich scharen, denn allein die im Sexgeschäft im vollen Wortsinn versklavten Frauen und Mädchen schätzen die Autoren - und sie schätzen stets sehr vorsichtig - auf drei Millionen. Hinzu kommen Millionen von Frauen, die durch Einschüchterung und Drogen in dieses Gewerbe gezwungen wurden. Viele von ihnen werden als rechtlose Schmuggelware gehandelt: „im beginnenden einundzwanzigsten Jahrhundert werden jährlich weitaus mehr Frauen und Mädchen in Bordelle verschifft, als im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert je binnen eines Jahres Afrikaner übers Meer auf Sklavenplantagen kamen“.

          Als Chronisten des Monströsen durchmessen die Autoren alle Kreise der Hölle, führen die verschiedensten Formen von Gewalt gegen Frauen auf. Alle zwei Stunden findet allein in Indien eine Brautverbrennung statt, „um die Braut für eine unzulängliche Mitgift zu bestrafen oder um sie aus dem Weg zu räumen, damit der Mann neu heiraten kann“. Zu Tausenden werden Frauen auch in Pakistan lebendig verbrannt oder - neuerdings sehr beliebt - mit Säure verätzt.

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