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Historiker Niall Ferguson : Ein Weltdenker lässt keine Rätsel übrig

Er weiß nicht nur viel, er weiß auch immer, was es bedeutet: Der britische Historiker Niall Ferguson. Bild: Jens Gyarmaty

Im Sog von Bildern und Metaphern: Niall Ferguson bringt in seinem neuen Buch „Türme und Plätze“ die Geschichte auf die Formel des Kampfs zwischen Netzwerken und Hierarchien.

          Es dauert gut hundert Seiten, bis dieses Buch zu seiner Schlüsselfrage findet. Dann aber knallt es sie wie ein Pik-Ass auf den Tisch: „War die Reformation ein Desaster?“ Nun, war sie es? Gut, der durch Luther ausgelöste Umbruch hatte „eine schockierende Zahl gewaltsamer und oft erschreckend grausamer Todesfälle“ zur Folge. Aber er brachte auch Segen. Beispielsweise gab er dem gerade erfundenen Buchdruck einen Inhalt und einen Zweck. Die Bibel kam unters Volk, die Schrift wurde Allgemeingut, das Wissen verließ die Klöster. Es bildeten sich Netzwerke der Gelehrsamkeit und Freidenkerei, die später den Zündfunken für die Revolutionen gaben, erst die amerikanische, dann die französische, zuletzt die russische; und ganz am Ende der Entwicklung, kurz nach dem Anbruch der Ära Trump, steht die Netzwerktheorie des Niall Ferguson.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Mit Niall Ferguson reist man sicher durch die Geschichte. Nicht, weil er so viel weiß – das auch –, sondern weil er immer ganz genau weiß, was etwas bedeutet. Das zwanzigste Jahrhundert etwa war „eine Zeit der Seuchen und der Rattenfänger“. Es kann nämlich kein Zufall sein, dass die Pandemie der Spanischen Grippe genau mit dem Sieg der Bolschewiki zusammenfiel, die „einen mutierten Stamm des Marxismus“ von Russland aus über die Welt verbreiteten. Dann gab es auch noch „eine wirtschaftliche Seuche“, die Hyperinflation. Man muss gegen Metaphern geimpft sein, um sich von dieser Logik nicht mitreißen zu lassen.

          Rollback der Hierarchien

          In seinen bisherigen Büchern hat der britische Historiker seine Geschichtspanoramen meist von einem einzigen Perspektivpunkt aus gemalt: die finanzielle Entwicklung („Der Aufstieg des Geldes“), die Fehleinschätzung des Deutschen Kaiserreichs durch die englische Politik („Der falsche Krieg“), die Macht der Rothschilds, das Genie des Henry Kissinger. In „Türme und Plätze“ verfährt er nun doppelperspektivisch: Es gibt Türme, also Hierarchien, und Plätze, also Netzwerke, und aus dem Wettstreit der beiden Prinzipien entsteht historisches Geschehen. Netzwerke existierten schon im Altertum (obwohl Ferguson kein richtiges Beispiel dafür einfällt) und auch im Spätmittelalter (auch wenn er mit dem Ragusaner Wollhändler Benedetto Cotrugli einen eher ungewöhnlichen Gewährsmann benennt), aber erst die Aufklärung und die Expansion Europas nach Übersee schufen das Spielfeld, auf dem die großen Netzwerker ihre Fäden ziehen konnten, im Guten (Voltaire und seine Briefpartner) wie im Durchtriebenen (Illuminaten und Freimaurer).

          Dann aber kam der Rollback der Hierarchien: Die politische Revolution wurde durch Imperien und Bündnisse eingehegt, die industrielle mit Börsen, Banken und Trusts. Bis mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder die vernetzten (und verhetzten) Proletarier die Oberhand gewannen. Und so weiter, bis hin zu Twitter und Facebook, Clinton und Trump.

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