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Neues von Kafka : „Das Abnormale ist nicht das Schlechteste“

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Der war ja gar nicht kafkaesk: Reiner Stach schreibt sein Dichter-Porträt fort Bild: S.Fischer

Pünktlich zum 125. Geburtstag des Dichters hat Reiner Stach jetzt den dritten Band seiner großangelegten Kafka-Biographie vorgelegt. Er zeichnet das differenzierte Bild eines Dichters, der trotz oder gerade wegen seiner Rätselhaftigkeit stets um Normalität ringt.

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          Als „erste große Kafkabiographie in deutscher Sprache“ wurde der zweite Band von Reiner Stachs „Kafka“ angekündigt (Rezension: Rainer Stachs Kafka-Biographie). Das erschien angesichts der Beschränkung auf die „Jahre der Entscheidung“ (1910 bis 1915) noch etwas verwegen. Mit dem Erscheinen des dritten Bandes „Die Jahre der Erkenntnis“ (1916 bis 1924) pünktlich zum 125. Geburtstag des Dichters scheint der hohe Anspruch eingelöst, auch wenn der erste Band noch aussteht und wegen der schwierigen Quellenlage sicherlich kein Kinderspiel sein wird.

          Reiner Stach ist sich und seinem Willen, die Biographie „als eigenständige literarische Kunstform“ zu nobilitieren, treu geblieben. Auch der dritte Band ist im Wesentlichen eine romanartige Erzählung mit weit ausholenden geschichtlichen Exkursen, szenischen Vergegenwärtigungen, Reflexionen auf die Quellenlage und die Forschung, ausführlichen Zitaten und philologischen wie essayistisch-bildhaften Deutungen der Werke und Briefe. Wie gehabt verteidigt er sein Verfahren mit gehöriger Polemik gegen die akademische Forschung. Für „Kafkas Werk und damit die Verwaltung seines Ruhms“ seien leider jene Fakultäten zuständig, die sich auf die „Logik geistiger Formationen“ spezialisiert hätten und „deren Geringschätzung des Biographischen notorisch“ sei. Das gelebte Leben aber folge einer anderen Logik. Es erzwinge Entscheidungen, die „der gesamten geistigen Organisation eines Menschen zuwiderlaufen können“

          Richter seiner selbst

          Kafkas Situation im Juli 1914 sei ein spektakuläres Beispiel dafür. Daher geht Stach noch einmal auf das Ereignis zurück, das er für die „nie ganz überwundene Katastrophe im Leben des dichtenden Juristen“ hält: das „Tribunal“ des 12. Juli 1914 im Berliner Hotel Askanischer Hof, wo Felice Bauer im Beisein ihrer Schwester Erna und ihrer Freundin Grete Bloch unter schweren Anschuldigungen die Verlobung löste, ein Schreibanlass für „Der Process“. Diese Erfahrung aber verquickte Kafka mit dem desaströsen Verhältnis zu seinem Vater. „Im Grunde sind mir immer nur die gleichen primitiven Vorwürfe zu machen, deren oberster und blutnächster Vertreter mein Vater ist.“ Von nun an wird Kafka das Richteramt, auch gegen sich selbst, übernehmen.

          Den Vater hatte Stach im zweiten Band noch moderat als rechtschaffenen Mann verteidigt; doch bei Gelegenheit der Diskussion des „Briefs an den Vater“ erscheint er als wahrer Unmensch, als unmanierlicher, hasserfüllter Grobian und Haustyrann, der aber nach außen hin, im Sozialen, peinlich opportunistisch und unterwürfig war. Das hängt damit zusammen, dass Stach den Brief nicht in erster Linie als literarischen Text, sondern als sachrichtiges Dokument biographischer Selbstaufklärung zur Geltung bringen will. Zur Erklärung der Fakten habe Kafka allerdings „wirkungsmächtige Bilder“ erfinden müssen. Da folge er wieder einmal der „Logik eines privaten Mythos“, der sich das wirkliche Geschehen unterordnen soll.

          Krieg der Befreiung

          Überhaupt zählt Stach es zu den lebensbestimmenden Eigenheiten Kafkas, dass seine Entscheidungen, obwohl messerscharf durchdacht, einer „Logik des Intimen“ folgen. Innerhalb persönlicher Beziehungen sei das ganz normal, bei Kafka aber habe sich das „auf den Beruf, die Politik, im Grunde über die ganze Welt“ erstreckt, und das erst lässt den hochrespektierten Fachmann und freundlichen Mitmenschen, der außer seinem Vater praktisch keine Feinde hatte, trotz seines souveränen Scharfblicks und seiner überragenden Fähigkeiten „weltfremd“ erscheinen.

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