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Pyramiden von Gizeh : Die Jäger des verlorenen Schatzes

Mark Lehner und Zahi Hawass bringen in ihrem gemeinsamen Buch die Leser auf den neuesten Stand der Pyramidenforschung. Bild: dpa

Was wissen wir eigentlich definitiv über die Pyramiden und Gräberfelder von Gizeh? Mark Lehner und Zahi Hawass breiten das in einem neuen Standardwerk aus, dessen Lektüre durchaus beschwerlich ist.

          Alles fürchtet die Zeit, aber die Zeit fürchtet die Pyramiden. Natürlich sind es die Pyramiden von Gizeh, die diese arabische Spruchweisheit hier meint. Zwar gibt es entlang des Westufers des Nil gut zwei Dutzend pyramidenförmige Königsgräber, und im Reiche Kusch, tief im heutigen Sudan, in Rom und sogar in Karlsruhe wurden Mächtige ihrer Zeit in oder unter Bauten dieser Geometrie bestattet. Doch an die drei in Gizeh, am heutigen Stadtrand von Kairo, kommen keine anderen heran. Es sind zwar nicht die ältesten und auch nicht die in jeder Hinsicht am besten erhaltenen. Aber unter ihnen sind die beiden größten. Und sie waren zu keinem Zeitpunkt der Geschichte vergessen. Schon für den Römer Horaz waren sie der Gipfel menschenmöglicher baulicher Monumentalität.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Monumental ist auch das Werk „Giza and the Pyramids“ der beiden Archäologen Mark Lehner und Zahi Hawass, das nun auch auf Deutsch vorliegt – und zwar nicht nur wegen seiner 2,6 Kilo Papiergewicht oder seiner wahrlich pyramidenhaften Entstehungszeit von mehr als drei Jahrzehnten. Etwas pharaonischer Größenwahn steckt bereits in dem Vorhaben, die bis heute gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Gizeh – und zum Teil auch deren historische Genese – in einem Band zu versammeln. Denn anders, als der deutsche Titel suggeriert, geht es lange nicht nur um die dortigen Pyramiden. Nur sieben der zwanzig Kapitel handeln von ihnen. Die übrigen haben die in die Hunderte gehenden nichtköniglichen Gräber der altägyptischen Nekropole zum Thema, natürlich den berühmten Sphinx, aber auch die Siedlungen und die Friedhöfe derjenigen alten Ägypter, die mehr als siebenundsechzig Jahre hinweg jene sieben Millionen Kubikmeter Kalkstein aufeinandergetürmt und die Anlage danach vierhundert Jahre lang betreut und gepflegt haben. Und zudem werden auch noch Vorgeschichte und Theologie der altägyptischen Pyramiden verhandelt sowie die Geschichte der Stätte bis in die Spätzeit.

          Mark Lehner, Zahi Hawass: „Die Pyramiden von Gizeh“.

          Wenn überhaupt jemand, dann konnten nur Lehner und Hawass ein derartiges Vorhaben umsetzen. Der Amerikaner Lehner gräbt seit den siebziger Jahren hauptsächlich in Gizeh. Im Jahr 1990 schlug er sogar eine feste Stelle an der Universität Chicago aus, um sich ganz der Feldarbeit im Schatten der Pyramiden widmen zu können, und entdeckte mit seinen Mitarbeitern Siedlungsflächen, in denen die Arbeiter der Totenstadt lebten. Hawass wiederum ist einer breiten Öffentlichkeit zwar als langjähriger mächtiger Chef der ägyptischen Altertümerbehörde bekannt geworden. Davor aber war er nicht nur viele Jahre Chefinspektor des Gizeh-Plateaus, sondern auch Ausgräber vor Ort, nicht zuletzt der Arbeiterfriedhöfe. Beide Männer eint das Interesse für die Alltagswelt hinter den großen Monumenten und auch das an einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen westlichen und ägyptischen Ägyptologen.

          So ansprechend und reich bebildert ihr Buch gestaltet ist, so mühsam allerdings ist die Lektüre für alle, die keine archäologischen Fachtexte gewohnt sind. Nicht, weil über Gebühr Forscherjargon verwendet würde – dazu sind die Autoren viel zu medienerfahren –, sondern weil mitunter seitenlang bauliche Befunde referiert werden, die ohne entsprechende informationsgraphische Unterstützung für Laien nicht leicht nachzuvollziehen sind.

          Zahi Hawass (Mitte), damaliger Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, überwacht die Freilegung der Mumie des König Tutanchamun aus seinem steinernen Sarkophag im berühmten Tal der Könige.

          In die Grafik hätte mehr investiert werden und dafür das eine oder andere Schmuckbild weggelassen werden müssen. Zwar gibt es rekonstruierende Skizzen, aber im Verhältnis zum Beschriebenen viel zu wenige. Und erst knapp vor Seite 400 findet der Leser eine dreidimensionale Rekonstruktion der Gesamtanlage am Ende der vierten Dynastie, der die drei in den großen Pyramiden bestatteten Herrscher Cheops, Chephren und Mykerinos angehörten. Allerdings, solche Zeichnungen dessen, „wie die Dinge einmal ausgesehen haben könnten“, erfordern immer Interpolation der vorhandenen Daten. Aber Interpolation ist immer auch Spekulation – und die scheuen die Autoren, wo immer es nur geht.

          Das betrifft nicht nur die bauhistorischen Narrative. So sind Lehner und Hawass auch nicht bereit, das möglicherweise problematische Verhältnis Pharao Djedefres zu seinem Vater und Vorgänger Cheops sowie zu seinem Bruder und Nachfolger Chephren zu diskutieren. Ebenso wenig stellen sie Mutmaßungen über den Verbleib der Mumie Hetepheres I. an, wahrscheinlich die Mutter des Cheops. Und was die Identität der rätselhaften Chentkaues angeht, deren ungewöhnliches Grabmal in Gizeh hier verdientermaßen ein eigenes Kapitel bekommt, so enthalten sich die Autoren hier ebenfalls aller Spekulation. Nur die harten, aber mageren archäologischen und inschriftlichen Fakten werden gelistet. Ein wenig mehr Diskussion von Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten im Lichte der harten Daten hätte die Materie aufgelockert.

          Kleiner Kopf, große Tatzen: In Gizeh wacht die Sphinx über die Grabanlagen der Pharaonen.

          Nun ist die Beschränkung auf die Daten für seriöse Ägyptologen natürlich ein würdiges Vorgehen, aber im Übermaß ist sie durchaus riskant für ein Sachbuch, das mit seiner Aufmachung auf ein breiteres Publikum zielt. Fast ist man versucht, seinerseits darüber zu spekulieren, ob Zahi Hawass durch demonstrative Nüchternheit vielleicht versucht, sein früher gepflegtes Indiana-Jones-Image loszuwerden. Und auch bei Lehner scheint ein persönliches Motiv durch. Er ist ein bekehrter Esoteriker. Als junger Mann hielt er die Pyramiden für die Hinterlassenschaften von Atlantis oder von Außerirdischen – bis er erkannte, dass solche Geschichten hinten und vorne nicht zu den archäologischen Daten passen, woraufhin er sich der wissenschaftlich arbeitenden Ägyptologie zuwandte. Das erklärt wohl, warum an verschiedenen Stellen des Buches so ausführlich gegen esoterische Deutungen altägyptischer Befunde argumentiert wird.

          Trotz alledem, wer sich wirklich für den (fast) aktuellen Forschungsstand zu Gizeh interessiert und imstande ist, Texten auch dann die Treue zu halten, wenn sie keine süffige Lektüre à la C. W. Ceram oder Gerhard Konzelmann bieten, der kann zu diesem Buch greifen. Die Zuschreibung „Standardwerk“ mag problematisch sein, zumal in einem Wissenschaftszweig, in dem kaum zwei Experten zu denselben Schlüssen kommen – auch Lehner und Hawass nicht, wie sie freimütig darlegen. Aber es ist ein monumentaler, detaillierter Übersichtstext, der zum größten Teil auf viele Jahre gültig bleiben wird. Auch und gerade zur Vorbereitung eines Besuchs in Gizeh, der mehr als nur einen Vormittag dauert, wird es auf absehbare Zeit nichts Umfassenderes und zugleich Fundiertes geben. Für den Ausflugsrucksack vor Ort allerdings wird man sich etwas Leichteres suchen wollen.

          Mark Lehner, Zahi Hawass: „Die Pyramiden von Gizeh“.

          Aus dem Englischen von Martina Fischer, Renate Heckendorf und Cornelius Hartz. Philipp von Zabern Verlag/WBG, Darmstadt 2017. 560 S., Abb., geb., 129,– .

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